Französischer Pressespiegel 05.10.2006

I. Überblick

Die Aufmacher sind heute uneinheitlich, ausschließlich innenpolitisch. EADS/Airbus bei LE MONDE und LES ECHOS: "Die Schockwelle breitet sich in Frankreich und Deutschland aus." Der Polizeieinsatz in Mureaux als Aufmacher mit dreiseitigem Bericht in LIBERATION und als Schlagzeile in L'HUMANITE: "Die Sarko-Show traumatisiert die Menschen in Mureaux". LE FIGARO zum Hausbesetzerfall von Cachan, für den Innenminister Sarkozy zwei Mediatoren ernannt habe. LE PARISIEN macht auf mit der Enthüllung eines "gigantischen" Versicherungsbetrugs, in den hunderte Ärzte verwickelt seien. Einziger nicht-innenpolitischer Aufmacher in LA CROIX zu einem vom Institut für Sicherheitsstudien verfassten EU-Report über Entwicklungsszenarien bis 2025. International: Interview mit Schwarz-Schilling in LA CROIX; Berichterstattung in LE MONDE zum Libanon, die der Präsenz der Blauhelme eine beruhigende psychologische Wirkung zuspricht; durch republikanischen Abgeordneten ausgelöster Skandal in den USA; Berichte zum Fall Redeker (Islamkritik).

II. Im Einzelnen

1. Wirtschaft

Schwerpunkt der Berichterstattung zum "Power8" genannten Restrukturierungsplan von Airbus sind die französisch-deutschen Spannungen hinsichtlich der antizipierten sozialen Auswirkungen des Airbus-Sparkurses. "Geschockt" durch die BenQ-Insolvenz, so LES ECHOS, wolle Deutschland "seinen" A380 verteidigen. LE MONDE und LES ECHOS beziehen sich auf die Bildzeitung, u.a. mit "Werden die Franzosen uns die Produktion des Super-Airbus wegnehmené". Laurenz Meyer wird mit dem Satz zitiert: "Die deutsche Politik wird einen solchen Transfer nicht widerstandslos akzeptieren." Es wird auf ein für heute geplantes Treffen von Wirtschaftsminister Glos und EADS-Vorstandsvorsitzenden Christian Streiff hingewiesen. Der französische Wirtschaftsminister Breton hingegen halte den Plan für "realistisch" und "glaubwürdig". Im Nachsatz wird darauf verwiesen, dass Frankreich, im Gegensatz zu Deutschland, EADS-Aktionär ist.

Während LE FIGARO gestern beschied, alle (nationalen) Tabus würden bei der Neuorganisation der Arbeitsteilung fallen gelassen, versichert -laut LE MONDE- EADS-Kopräsident Louis Gallois, dass der Plan eine "faire Behandlung" respektieren und es keine Verlierer, weder auf französischer noch auf deutscher Seite, geben werde. Die Kürzungen würden im Mutterkonzern EADS und außerhalb vorgenommen, d.h. nicht an der Produktion selbst. Trotzdem seien die Diskussionen zwischen den französischen Aktionären (Staat und Lagardère) und den deutschen (DaimlerChrysler) gespannt gewesen. Das seit mehreren Monaten geschwächte "französische Lager" scheine aber an Gewicht zu gewinnen. Lagardère habe beschlossen, sich stärker einzusetzen und das Programm zu unterstützen, und die Franzosen hätten sogar die Einsetzung einer Untersuchungskommission zur Verantwortung für die Verzögerung erreicht, was Hamburg betreffe.

Das Editorial von LE FIGARO bringt den Tenor auf den Punkt: Airbus sei mit dem "Nimby"-Syndrom konfrontiert, was für "not in my backyard" steht. Die Verantwortlichen der deutsch-französischen Gruppe würden solide Argumente zur Verteidigung ihrer Sache finden, überzeugender wäre es jedoch, der Doppelstruktur des Konzerns ein Ende zu setzen, das nicht nur kostspielig, sondern teilweise auch verantwortlich für die aktuellen Probleme sei.

2. Innenpolitik

Mureaux

Der Polizeieinsatz in Mureaux, bei dem die Polizisten brutal vorgegangen seien, ruft teilweise starke Kritik hervor. LIBERATION bescheinigt der "Methode Sarkozy" das Scheitern, kritisiert die mediale Ausschlachtung der Sicherheitsmaßnahmen und spielt auf die Beschwerde des Bürgermeisters an, die Journalisten seien vor ihm über den Einsatz informiert worden. LIBERATION überschlägt sich mit negativen Beurteilungen: "Der erste Bulle Frankreichs [Sarkozy] nützt Unsicherheit zum Stimmenfang beim Front National", "Indem er eine öffentliche Debatte losgetreten hat, wendet sich der Überfall von gestern gegen seine Initiatoren". LE FIGARO hingegen titelt: "Polemik nach mediatisiertem Polizeieinsatz".

Pressekonferenz von Premierminister de Villepin

Premierminister de Villepin stellt einen "Pakt für die Umwelt" vor. Dem Tenor der Berichterstattung zufolge schwimmt er so mit den anderen Elysée-Kandidaten mit, die das bei den französischen Wählern immer mehr beachtete Thema Ökologie für sich entdecken und so den Grünen ihre traditionelle Bastion streitig machen.

3. Internationales

Iran

Unter dem Titel "Teheran spielt die französische Karte, um die Großmächte hinsichtlich der Nuklearfrage zu spalten", geht LE MONDE auf das abgelehnte Angebot Irans ein, ein französisch-iranisches Konsortium zur Urananreicherung zu bilden. Brüssel und Paris hätten den Zug als Ablenkungstaktik bezeichnet; die Aussetzung der Anreicherung müsse weiter das zentrale Thema bleiben. Das iranische Fernsehen habe verlauten lassen, es habe sich um einen Test gehandelt und darum, "das Ausmaß des Realismus und der Flexibilität der französischen Regierung einzuschätzen". Laut Expertenmeinungen findet sich Frankreich in einem Dilemma wieder.
Es habe (wirtschaftliche) Interessen in Iran und wolle daher eine Konfrontation vermeiden, während es gleichzeitig das nach dem Zerwürfnis über die Irakfrage wieder zu reparierende Bündnis mit den USA bewahren wolle. Nach Einschätzung eines Mitarbeiters der Clinton-Regierung suchen die USA jedoch aufgrund ihrer Probleme im Irak keine Totalkonfrontation mit Iran.

Polen

LE FIGARO stützt sich auf eine inoffizielle Quelle für einen ausführlichen Bericht, demzufolge die dritte Komponente des US-amerikanischen Nuklearschutzschildes in Polen errichtet werden soll. Dem russischen Außenminister Sergej Lawrow zufolge könne Russland sich hinsichtlich der Frage, ob die Raketenabwehrsysteme der USA und der NATO in Europa gegen Russland gerichtet seien, nicht allein auf dies abstreitende Erklärungen verlassen. Diese Maßnahme könne das russisch-amerikanische "Gleichgewicht an strategischen Trägersystemen" gefährden, daher werde Moskau "geeignete Gegenmaßnahmen" ergreifen. Der amerikanische Schutzschild könne jedoch auch zu Spannungen wegen der Raketenabwehrprojekte in der NATO führen. Wenngleich die geplanten Systeme der USA und der NATO unter technischen Aspekten komplementär seien, könnten die enormen finanziellen Implikationen politische Spannungen auslösen.

Außenministerin Rice im Nahen Osten

Laut LE FIGARO hatte Außenministerin Rice auf ihrer Nahost-Reise Mühe, ihr Ziel zu erreichen, eine Front der "gemäßigten" gegen "extremistische" arabische Staaten zu bilden; die neue palästinensische Regierung zählen die USA zu letzterer Kategorie.

(Quelle: Pressereferat der deutschen Botschaft in Paris)



Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5

Französischer Pressespiegel 05.10.2006

Polizeieinsatz in Mureaux, Pressekonferenz von Premierminister de Villepin, Iran, Außenministerin Rice im Nahen Osten, US-amerikanischer Nuklearschutzschild in Polen

Wirtschaft und Politik 04.10.2006

Uneinheitliche Aufmacher, ausschließlich zu innenpolitischen bzw. wirtschaftlichen Themen. LE MONDE, LIBERATION und L'HUMANITE machen mit der Entwicklung der ...

Französischer Pressespiegel 02.10.2006

Chirac zu Armenier-Vertreibungen in der Türkei 1915, EU-Einwanderungspolitik - Sarkozy-Vorstoß in Madrid, EADS, Abschluss des israelischen Rückzugs aus dem Südlibanon
Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5