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Ergebnisse der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen 23.04.2007

I. Aufmacher

Die Ergebnisse der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen - Sarkozy 31,11%, Royal 25,8%, Bayrou 18,5%, Le Pen 10,5%, die kleineren alle unter 5% - dominieren die Aufmacher (mit Ausnahme von LE MONDE - dort noch Vorwahlberichterstattung: "44,5 Mio. Wähler für zwölf Kandidaten"): LE FIGARO: "Duell an der Spitze", LES ECHOS: "Konfrontation von zwei stark mobilisierten Lagern in der zweiten Runde", LE PARISIEN: "Die Schlacht ist eröffnet - Bayrou-Wähler als Zünglein an der Waage in der zweiten Runde", LA CROIX: "Die zweite Runde wird in der Mitte entschieden", LIBERATION: "Der Kampf von Royal", L'HUMANITÉ : "Wie Sarkozy zu schlagen ist". Die überraschend hohe Wahlbeteiligung von 84,5% findet lediglich in den Untertiteln Beachtung. Wahlenthaltung von 15,40% ist laut LE PARISIEN die niedrigste seit 1981.

II. Themen im Einzelnen

a) Innenpolitik

Präsidentschaftswahlen

Berichte über die Ergebnisse, erste Analysen und Zusammenfassungen der Reaktionen füllen die vorderen Seiten aller Blätter (allein 20 Seiten bei LE FIGARO; LIBERATION und LE PARISIEN mit Sonderbeilagen über die Ergebnisse aus ganz FRA) und verdrängen internationale Themen an den Rand. Analysen heben die stärkste Wahlbeteiligung nach dem Beginn der 5. Republik in 1965, die Rückkehr zur Bipolarität in der französischen Politik und die Wahlschlappe ("l'agonie", LIBERATION) des im Vorfeld überschätzten Le Pen hervor. Zur klaren Konfrontation der beiden Lager stehe allerdings das Abschneiden von Bayrou, dem 7 Mio. Wähler ihre Stimme gegeben haben, im Widerspruch (LE FIGARO, LIBERATION). Die schwachen Ergebnisse der kleinen Parteien - mit Ausnahme des Linksextremen Besancenot/LCR, der überraschend 4,3% der Wähler (1,4 Mio. Stimmen) erreichte - wird auf das "Trauma" des 21. April von 2002 zurückgeführt, das die linken Wähler von der Notwendigkeit des "vote utile" überzeugt habe. LE FIGARO meint, eine Mehrheit der Linken habe nicht aus Vorliebe für die PS-Kandidatin gestimmt, sondern aus der Sorge heraus, dass ihre Interessen in der zweiten Runde zum Tragen kommen. LE PARISIEN veröffentlicht eine - nach dem ersten Wahlgang erhobene - Umfrage, der zufolge der Wahlkampf begeistert habe (62%), ein Drittel bis zum Schluss gezögert habe und 50% glaubten, dass ihre persönliche Situation sich verbessere, wenn ihr Kandidat das Rennen mache. In LIBERATION und LA CROIX wird die hohe Wahlbeteiligung ("l'anti 21 avril 2002", LIBERATION) als Überwindung der Politikmüdigkeit interpretiert. In den audiovisuellen Medien wurde gestern Abend auch auf die Rolle des Referendums vom 29. Mai verwiesen, durch das die Franzosen das seit dem Ende der Ära Mitterrand andauernde Gefühl der "kollektiven Ohnmacht" aufgegeben hätten. Sie glaubten nun wieder daran, dass Politik zu etwas nützlich sei.

Breiten Raum nimmt auch der Blick auf den zweiten Wahlgang ein: Die Blätter weisen darauf hin, dass die meisten linken Kandidaten bereits direkt oder mit dem Motto "Sarkozy bekämpfen" zur Unterstützung Royals im zweiten Wahlgang aufgerufen haben, wohingegen Bayrou, sich seiner Schiedsrolle bewusst, keine Wahlempfehlung abgegeben habe. Im Interview mit LE PARISIEN meint CSA-Chef Cayrol, die hohe Wahlbeteiligung sei den Kandidaten der großen Parteien zugute gekommen, ohne dass man von einer klaren Bipolarität Frankreichs sprechen könne. Sarkozy und Royal erreichten zusammen nur 55%. Die sieben Millionen Bayrou-Wähler seien das Zünglein an der Waage. Von ihrer Herkunft her seien sie jeweils zur Hälfte links und rechts anzusiedeln. Es komme v.a. auf die Persönlichkeit der Kandidaten an. LES ECHOS nennt Bayrou klar "die Schlüsselfigur für den zweiten Wahlgang".

LE FIGARO und LE PARISIEN heben das "historische Ergebnis" von Sarkozy hervor: das beste Wahlergebnis seit Mitterrand (34,10% in 1988) und Giscard d'Estaing (32,60% in 1974) im ersten Wahlgang. LE FIGARO, für den Sarkozy klar der Favorit für den zweiten Wahlgang ist, fasst Sarkozys Rede kurz nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen um 20.00 Uhr unter der Überschrift "Sarkozy schlägt einen neuen Traum vor", um den er das französische Volk versammeln wolle. Er habe sich v.a. an das "erschöpfte Frankreich", "an die Verunglückten und Leidenden", die "keine Angst haben" sollten, gewandt; d.h. an die rechte Wählerklientel, bzw. an frühere Nichtwähler. Für LIBERATION steht im Vordergrund, dass Sarkozy "erfolgreich die Kurve nach Rechts genommen" hat. LE PARISIEN schildert die Mediatisierung von Sarkozys Fahrt von der Salle Gaveau in die Rue d'Enghien und erinnert dabei an ähnliche Szenarien mit Chirac in 2002 nach dem 2. Wahlgang.

Alle Blätter signalisieren mit Blick auf Jospins Niederlage 2002 Erleichterung über Royals Qualifikation für die zweite Runde. Die meisten (LIBERATION, LE FIGARO u.a.) weisen aber auch darauf hin, dass Royal angesichts "der Schwäche der Linken" bis zum 6. Mai eine neue Dynamik entwickeln müsse. "Das Ergebnis für Sarkozy und das schwache Gesamtergebnis für die Linke geben ernsthaft Anlass zur Sorge" (LIBERATION). Es komme darauf an, dass sie einen Teil der Bayrou-Wähler hinter sich schare. Wenig Echo auf die späte Rede Royals von gestern Abend, die wesentlich länger als die von Sarkozy und programmatischen Inhalts war. Der feierlich-getragene Vortrag der Rede dokumentiere - so TV-Kommentatoren - Royals Metamorphose von der PS-Kandidation zur Präsidentschaftsanwärterin. Neben der Ankündigung einer Reform der 5. Republik auch Bezugnahme auf EU-Politik: "Der republikanische Patriotismus wird seinen ganzen Sinn im Aufbau eines sozial und wirtschaftlich wieder aufgerichteten Europas finden, das fähig ist, sein Gewicht in einer multipolaren Welt einzubringen. Die Franzosen werden aufgerufen sein, sich per Referendum über einen neuen europäischen Vertrag zu äußern. Nichts geschieht ohne ihr Wissen" Hinweis in diesem Zusammenhang".

Mit Blick auf Bayrous Verzicht auf eine Empfehlung für den zweiten Wahlgang analysiert LE FIGARO eine wechselhafte Wählerklientel, aber auch ein Dilemma für UDF-Mitglieder wie de Robien oder Santini, die sich früh Sarkozy angeschlossen hätten, und für Bayrou selbst: Nachdem Bayrou in den letzten Wochen Sarkozy und dessen Projekt einer "harten und gewalttätigen Gesellschaft" verteufelt habe, werde er wohl kaum zu einer Unterstützung für ihn aufrufen können. Mehrere Blätter gehen davon aus, dass Bayrou, der angekündigt habe, seine Position nicht zu revidieren und das Zentrum zu einer dritten Kraft (im Parlamentéé) auszubauen, nunmehr seine Pläne in den Parlamentswahlen durchzusetzen versuche.

Hinweis: LE PARISIEN kündigt TV-Debatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten Sarkozy-Royal am 2. Mai an.

Kommentarecho: Allgemein positives Echo, allerdings mit unterschiedlichen Akzenten. Beytout/LE FIGARO zeigt sich wenig überrascht: " Seit Monaten wollten die Franzosen ein Duell Ségo-Sarko. Sie haben es bekommen, und das ist gut so. Wie in allen großen Demokratien können die Franzosen jetzt zwei Gesellschaftsprojekte miteinander konfrontieren, ein rechtes und ein linkes. Die Schlacht des zweiten Wahlganges wird schwierig… Doch am Abend des ersten Wahlganges hat Nicolas Sarkozy die besten Chancen und die besten Karten in der Hand. Zum ersten Mal seit 30 Jahren hat ein Kandidat der scheidenden Mehrheit große Aussichten auf den Sieg." LES ECHOS sind enttäuscht über den Lagerwahlkampf: "Zurück zum Althergebrachten. 2007 ist das Gegenteil von 2002. Das traditionelle Rechts-Links-Denken hat wieder die Oberhand... Das Spiel bleibt aber offen, weil die Franzosen ihre Beobachtung und Prüfung der beiden Finalisten noch nicht abgeschlossen haben. Die ultimative Herausforderung ist auch psychologischer Natur: Derjenige wird gewinnen, der ausreichend Nervenstärke und Kompetenz beweist, um das Präsidentengewand tragen zu können." LA CROIX ist trotz des traditionellen Rechts-Links-Ergebnisses weniger skeptisch: "In diesem Gedankenumfeld bleibt das Abschneiden Bayrous ein bemerkenswertes Ereignis, denn er hat den größten Zugewinn zu 2002 erzielt. Sein Ergebnis und seine Wähler zählen beim zweiten Wahlgang. Und vielleicht beim Entwurf einer Erneuerung des politischen Lebens Frankreichs. LIBERATION ist v.a. darüber erleichtert, dass die Linke gerettet ist: "Trotz der Messerstiche aus dem eigenen Lager nähert sich Royal den Ergebnissen Mitterrands im ersten Wahlgang. Doch diese Wahl darf sich nicht einfach in ein Referendum über einen Mann verwandeln, auch nicht symbolisch. Einem negativen Projekt muss man ein positives entgegensetzen. Die Madonna der Parteitreffen kann sich nicht damit begnügen, mit dem Finger auf den bösen Sarkozy zu zeigen. Sie muss Maßnahmen, Vorschläge, Entscheidungen verteidigen. Der Kampf beginnt."

Die Psychologisierung des Wahlkampfes wird auch in LE MONDE analysiert, wo EHESS-Direktor und Historiker Prochasson den Wahlkampf als Sieg der Psychologisierung über die Werte, als Sieg der Leidenschaften über Ideen charakterisiert. Das "Moi, je" sei an die Stelle des "Nous, on" getreten.

Internationale Reaktionen: LE FIGARO bringt ein Interview mit DFI/Uterwedde, demzufolge Berlin keine Präferenzen habe. Die deutsch-französischen Beziehungen könnten auf bestimmte Acquis zurückgreifen, müssten aber von jeder Generation neu begründet werden. Vom neuen Elysée erwarte man, dass er mit starker Legitimation versehen, das notwendige Reformprogramm vornehme und Europa aus der Krise führe.

b) Deutschland

LE FIGARO greift die durch einen SPIEGEL-Bericht ausgelöste Debatte um die Ermordung von Generalbundesanwalt Buback und die Forderung von Politikern nach Aufklärung über die Rolle der Sicherheitsdienste bzw. nach neuen Ermittlungen auf.

c) International

Nur am Rande einige wenige Themen, darunter Fälle von Antisemitismus in der israelischen Armee (LE FIGARO). Verbreitet Berichte über Sorge in Paris bezüglich der französischen Geiseln in Afghanistan (LIBERATION, LE PARISIEN, LE FIGARO). Chaos bei den Wahlen in Nigeria und Mauerbau in Bagdad zur Trennung von Sunniten und Schiiten (LE FIGARO). In LIBERATION langer Korrespondentenbericht über Mord von Malatya.

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