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Aufsichtsratentscheidung von Arcelor 29.06.2006

1. Titelseiten/Aufmacher

Titelseiten: FIGARO, LE MONDE und LIBÉRATION widmen ihre Titelseite der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen. LES ECHOS titelt mit Frankreichs Spitzenreiterrolle bei Investitionen im Ausland, und spricht dort auch (wie FIGARO) die neusten Ereignisse bei EADS an. LA CROIX macht mit der Situation im Baskenland auf, L'HUMANITÉ mit der Debatte um den Mindestlohn SMIC. Im LE PARISIEN (wie auch in LE MONDE, FIGARO und L'HUMANITÉ) wird Fußball thematisiert.

Beim Thema Fußball herrscht überschwängliche Euphorie. Die französische Equipe hätte wieder die "Unterstützung des Volkes" und man möchte an den Triumph von 1998 anknüpfen; doch sehe man den Einzug ins Viertelfinale schon als Errungenschaft und "Finale vorab" an, so FIGARO.

Sonst überall Thema ist auch der Wiederauftritt Lionel Jospins in der französischen Öffentlichkeit. Nachdem er sich gestern in der Presse zu Präsidentschaftskandidaten und Wahlthemen der PS äußerte, ließ er jedoch Angaben zu einer eigenen Präsidentschaftskandidatur offen. Anlass für den FIGARO heute ein Zitat von Jospin aus dem Jahr 2002, er ziehe sich nach den (damaligen) Präsidentschaftswahlen vollkommen aus dem politischen Leben zurück, zu kritisieren. Nach seinem gestrigen Auftritt bei TF1, habe er nun die Frage nach seiner Präsidentschaftskandidatur (LE PARISIEN "Wenn es so scheint, als sei ich der Geeigneteste, um die Sozialisten zusammenzuhalten.") auf den Herbst verlegt.

In allen Zeitungen ist auch die gestrige Pressekonferenz vom Premierminister Thema. Laut FIGARO und LES ECHOS habe de Villepin gestern verkündet, die Arbeitslosenquote bis Jahresende unter 9% zu drücken. Darüber hinaus habe der französische Premierminister eine Präsidentschaftskandidatur vollständig ausgeschlossen.

Zu Deutschland wird in LE MONDE die anstehende Steuererhöhung thematisiert. Im FIGARO wird über die Einigung in der Föderalismusreform berichtet, was ein Erfolg der Großen Koalition sei. FIGARO und LIBÉRATION mit positiven Worten zum Abschied Joschka Fischers aus dem politischen Leben.

Laut FIGARO hat Putin dem russischen Geheimdienst das Auffinden und die Liquidierung der Mörder der vier im Irak ermordeten, russischen Diplomaten angeordnet. Er zeige sich ebenso bei allen seinen "Freunden", die Informationen zum Aufspüren der "Kriminellen" geben, erkenntlich.

Sonstige Themen: LE MONDE zum neuen Chef der italienischen Mafia, Kritik an türkischer Kurdenpolitik und das Blatt verkündet die Entscheidung der französischen Abgeordneten, sich für die EU-Mitgliedschaft Bulgariens und Rumäniens ausgesprochen zu haben. Überall positive Bewertung der heutigen Parlamentswahlen in Kuwait, an der erstmalig Frauen teilnehmen dürfen.

2. Im Einzelnen

Israel/Palästina

Nach dem gestrigen Beginn der Angriffe Israels im Gaza-Streifen, zeigt sich die französische Presse leicht kritisch gegenüber Israels straffen Maßnahmen (z.B. betont LIBÉRATION auf seiner Titelseite den Einsatz von 5.000 Männern um den Soldaten wiederzubefreien und rügt die "Kollektivbestrafung" der Operation) und den Reaktionen der internationalen Gemeinde. FIGARO zitiert das Weiße Haus, welches gesagt haben soll "Israel habe das Recht sich und das Leben eines seiner Bürger zu verteidigen". Das Blatt unterstützt die Mäßigung der Hamas (siehe gestriges Entgegenkommen). Im Angesicht der Tatsache, dass die Hamas auch ihren Einfluss auf einige ihrer militärischen Arme zu verlieren scheine und ebenso mit den aktuellen Entwicklungen auch Teile ihrer Anhängerschaft zu verlieren drohe, solle die internationale Gemeinde besser auf das Angebot eingehen (Zitat Raji Sourani, bekannter Menschenrechtsverfechter).

Arcelor

/Russland

Die Aufsichtsratentscheidung von Arcelor, das Angebot von Mittal weiterzuempfehlen, zieht laut LE MONDE weitere Kreise. Der Kreml habe das Ausschalten des russischen Unternehmens Severstal als "Ohrfeige" empfunden und holt damit zur Retourkutsche aus. (Laut LE CANARD ENCHAÎNÉ sei es der französische Präsident gewesen, welcher ursprünglich Putin kontaktiert habe, damit sich Severstal in die Gebote um Arcelor einschaltet.) Nach den jüngsten Entwicklungen, habe sich Putin nun höchstpersönlich an den russischen Milliardär Roman Abramovitch mit Bitte um finanzielle Unterstützung in der Arcelor-Affäre gewendet. In diesem Zusammenhang und nach der gestrigen Anhörung vor dem französischen Parlament, solle ein Ausschussmitglied gegenüber der französischen Presse geäußert haben, dass Alexei Mordachovs, Chef von Severstal, jegliche Absicht verfolge, Arcelor ein Zusatzangebot zu unterbreiten (siehe FIGARO und LES ECHOS). Seine Haltung hänge jedoch von der morgigen Generalversammlung Arcelors ab. Lakshmi Mittal habe sich gestern hingegen sehr zuversichtlich gezeigt.

LE MONDE schreibt zudem, dass die Arcelor-Affäre auch zu heftigen Spannungen mit der EU in Energiefragen hinsichtlich des kommenden G8-Gipfels führe. Das Blatt nimmt sich den Fall Arcelor zum Anlass, Kritik am "arroganten Russland", welches "in Energie- und Menschenrechtsfragen seine Sicht der Dinge aufzuzwingen verstehe", zu üben. Das Blatt verweist dabei auf Jacob Kellenberger, Präsident des Internationalen Rot-Kreuz Komitees, welcher sich u.a. über den verweigerten Zugang zu Häftlingen aus der Kaukasusregion beschwert. In Energiefragen wirft das Blatt Putin vor, die "Energiewaffe" zum "Instrument seiner Diplomatie" gemacht zu haben.

Forgeard

/EADS

Im Zuge der gestrigen Anhörung Forgeards vor der Assemblée nationale, wo er - Zitat FIGARO - seine "Ehre" (soll versichert haben: "Ich bin ehrlich und kompetent") vor den zwei Kommissionen verteidigt habe, sei die Debatte um die Bezahlung von leitenden Angestellten durch firmeneigene Aktienoptionen wieder entbrannt. Ein Gesetzesvorschlag zur Limitierung werde diskutiert. Forgeard habe seinen Rücktritt von EADS gestern ausgeschlossen und hoffe eine Schlüsselrolle zu spielen, um Airbus aus der Krise zu holen, so FIGARO. LE CANARD ENCHAÎNÉ schreibt gestern, dass die Bundeskanzlerin letzte Woche Chirac direkt angerufen habe und Forgeards Kopf gefordert haben soll. Wenn man ihn beibehielte, würde dies die Stabilität der EADS und die deutsch-französischen Beziehungen gefährden.


Euronext

Der Wirtschaftsteil des FIGARO widmet sich dem Thema Euronext. Den bisherigen Vereinbarungen zwischen New York Stock Exchange und Euronext zum Trotz, glaube der Präsident der Deutschen Börse nach wie vor "felsenfest" an eine Annäherung zwischen seiner Institution und Euronext. Deutsche Börse sehe jedoch zunächst von einem weiteren, "ungebetenen" Angebot an Euronext ab. Zum einen sei dazu die Erlaubnis seitens des Aufsichtsrates und der Aktionäre von Deutsche Börse, und zum anderen die Ereignisse der kommenden Wochen (Anspielung auf ausstehenden Risikobericht und die Klärung der juristischen Lage hinsichtlich der regulativen Abhängigkeit von Nyse im Falle eines Zusammengehens) nicht sicher. FIGARO stellt fest, dass Euronext vom deutschen Modell nicht angetan sei, rechne dem Projekt Deutsche Börse jedoch Chancen zu, falls Euronext in gewissen Fragen Nyse gegenüber nicht unabhängig bleiben kann.

(Quelle. Pressereferat der deutschen Botschaft in Paris)


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