Alles anzeigen: Juni 2006

Lionel Jospin Chirac Immigration 28.06.2006

1. Titelseiten/Aufmacher

Überall noch Thema ist der Fernsehauftritt Chiracs am Montag.

Lionel Jospin äußert sich über mögliche Präsidentschaftskandidaten und diagnostiziert die "vier großen Probleme" Frankreichs, welche die Sozialisten bis Mai 2007 angehen sollen ( FIGARO, LE MONDE, LIBÉRATION, LE PARISIEN).

Die Immigrationsregulierung von illegalen Einwanderern mit Kindern an französischen Schulen wird in LIBÉRATION, LE PARISIEN, im FIGARO und besonders in LA CROIX thematisiert.

FIGARO, LIBÉRATION und LE PARISIEN mit großen Bildern vom gestrigen Sieg der Franzosen über Spanien auf der Titelseite.
Fußball überall Thema.

LES ECHOS und der Wirtschaftsteil vom FIGARO titeln mit EADS und Forgeards heutigem Auftritt vorm französischen Parlament (LES ECHOS: "Forgeard setzt alles auf eine Karte"). Auch in LIBÉRATION ein Artikel zu dieser "harten Nuss".

LES ECHOS zudem zum Vertrauen deutscher Unternehmer in den wirtschaftlichen Aufschwung und zu Frankreichs Zugpferd-Rolle in Europa hinsichtlich Unternehmenszusammenschlüssen.

Sonstige Themen:

LE MONDE und LE PARISIEN thematisieren die wiederholte Straffälligkeit von französischen Minderjährigen in Verbindung mit der heutigen Präsentation eines Gesetzesvorschlages zur Prävention von Jugendkriminalität durch Nikolas Sarkozy vor dem Ministerrat. Laut LIBÉRATION werden heute die Präsidenten von Mittal und Severstal vor dem Wirtschaftsausschuss des französischen Parlamentes gehört. LE PARISIEN schreibt, dass der Elektrizitätspreis angehoben werden müsse und thematisiert zudem den Sommerschlussverkauf.

Internationale Themen:

Israel/Palästina

Zentrales Thema in allen Zeitungen ist die inzwischen eingeleitete Militäraktion Israels im Gazastreifen. In Verbindung damit auch Berichte über die von der Hamas und Fatah am gestrigen Abend unterzeichnete implizite Anerkennung des Staates Israel.

Vereinte Nationen

LE MONDE berichtet über die Doppelpetition auf der UNO-Konferenz zu Klein- und Leichtwaffen. Frankreich, einer der drei weltgrößten Waffen-Exporteure, spreche sich jedoch für eine Kontrolle im Handel mit Kleinwaffen aus.

FIGARO mit einem kurzen Beitrag über den Zusammenschluss einer Gruppe frankophoner Gesandter bei den VN zur "Förderung der französischen Sprache bei der UNO". Anlass seien Gefühle der Benachteiligung und "Diskriminierung" bei Rekrutierung und diplomatischen Verhandlungen. Die Gruppe fordere, dass sich der nächste Generalsekretär der VN sowohl in Englisch als auch in Französisch ausdrücken könne und sich den "Mängeln der linguistischen Parität" - ebenso wie seinen eigenen Mängeln diesbezüglich - widme.

Andere internationale Themen

FIGARO berichtet über das neue, islamistische Staatsoberhaupt Somalias. Die USA habe Scheich Hassan Dahir Aweys auf ihre schwarze Liste (aufgrund vermuteter Verbindung zu al-Qaida) gesetzt und sie habe zudem jegliche Diskussion mit dem neuen Staatsoberhaupt verweigert.
Zudem im FIGARO: zuspitzende Lage im Kongo, Gespräche zwischen Vatikan und Peking, Staatsbesuch des irakischen Vizepräsidenten Adil Abdel Madi in Paris (Kurzinterview im FIGARO). FIGARO zudem über den Einsatz französischer Spezialeinheiten gegen die Taliban in Afghanistan. LE MONDE zur feministischen Präsidentschaftskandidatin in Mexiko.

Europa

Zur Europa-Reise des Präsidenten Haitis (Kurzinterview) und zur Lage im Land, sowie über den bevorstehenden Beitritt Rumäniens zur EU berichtet LE MONDE.
LIBÉRATION berichtet über das Bestreben der EU ihre Verträge mit Washington bezüglich der Auslieferungsabkommen von mutmaßlichen Terroristen an die CIA zu überprüfen. (L'HUMANITÉ spricht von einer "Kollaboration" nationaler Geheimdienste mit der CIA).

Deutschland

FIGARO mit einer Notiz über den Rückzug Joschka Fischers aus dem politischen Leben und der Aufgabe seines Bundestagsmandats zum September. LE MONDE über die Erlegung des wilden, freilaufenden Bären Bruno in Bayern. Über eine deutsch-französische Beziehung der besonderen Art, und zwar über den positiven Einfluss des deutschen Fußballs auf französische Fans berichtet heute LIBÉRATION.


2. Im Einzelnen

Israel/Palästina

Die Mobilisierung israelischer Truppen zur Befreiung eines am Sonntag entführten israelischen Soldaten (LE MONDE und FIGARO betonen dessen französische Abstammung väterlicherseits) ist überall in den Schlagzeilen. L'HUMANITÉ (siehe Titelseite) sieht die implizite Anerkennung des Staates Israels durch Hamas and Fatah (gemäß FIGARO eine "überraschende Übereinkunft") durch die bevorstehende Militärintervention gefährdet. LIBÉRATION zeigt sich sehr optimistisch und hoffnungsvoll über die scheinbare Anerkennungserklärung ("Ein kleiner Hoffnungsschimmer in einem düsteren Moment"), räumt jedoch auch ein, dass man diese Maßnahme auch als "lächerlich" oder "überholt" bezeichnen könne, da sie einerseits keine direkte Referenz zu Israel aufzeige und andererseits auch taktische Erwägungen zur Abwehr der geplanten Militäraktion anzunehmen seien. Dies sei nur "ein kleiner Schritt", aber die Geschichte des palästinensisch-israelischen Konfliktes bestehe aus solchen kleinen Schritten. Für LA CROIX hingegen, ist diese nationale Übereinkunft ("entente nationale") ein "radikaler Wandel" in der islamistischen Hamas-Bewegung. Laut LE MONDE unterstütze Frankreich die geplante Befreiungsaktion des Soldaten. FIGARO titelt sein Editorial mit "Der Soldat Shalit muss befreit werden". Dennoch betont er die Wichtigkeit einer diplomatischen Lösung des Problems (vermerkt dabei die "löblichen" Bemühungen Frankreichs als Vermittler), um islamistische Palästinenser zu mäßigen und den Soldaten zu befreien.

Lionel Jospin

Nachdem Chirac bei seinem Fernsehauftritt am Montag eine erneute Präsidentschaftskandidatur nicht ausschloss, meldet sich nun auch Lionel Jospin, ehemaliger Premierminister ( PS), zum Thema Kandidaten zu Wort. FIGARO zitiert Jospin mit der Aussage, dass die Kandidaten sich mit klaren Projekten identifizieren müssen. Seine vorrangige Zielscheibe sei Nicolas Sarkozy gewesen. Jospin kritisiere Sarkozy, welcher mit der Trennung ("rupture") für sich Werbung mache, aber Trennung "wovon"é Laut FIGARO und LE MONDE sage Jospin dem Präsidenten der UMP weiterhin einen starken, von seinem ehemaligen Mentor Chirac, beeinflussten politischen Kurs ("chiraquisme") nach.
Daneben werfe Jospin vier Hauptprobleme auf (siehe LE MONDE und FIGARO), zu welchen sich die Linke zu Präsidentschaftswahl positionieren solle: Arbeit, Republik, Internationales und Fortschritt. Anhänger Jospins hoffen immer noch auf dessen Präsidentschaftskandidatur (LE PARISIEN überschreibt seinen Artikel sogar mit "Lionel Jospin tritt in den Wahlkampf ein"), andere sähen eine Konfrontation zwischen Jospin-Royal-Vaillant hinsichtlich dieser Frage kommen (FIGARO).

Immigration

Nikolas Sarkozy habe gestern im französischen Parlament einen "nationalen Vermittler" ausgerufen, der damit beauftragt sei, die Immigrationspolitik zu harmonisieren, so LES ECHOS. Auch LIBÉRATION scheint diese Entscheidung zu begrüßen, angesichts des bisherigen großen Andranges auf die Präfekturen. Beim gestrigen Ansturm einer Vielzahl Angehöriger von Schulkindern vor Ausländerbehörden, sei laut LES ECHOS, sogar die CRS gerufen worden, um zu intervenieren und die Schlangen der Asylbewerber "auf brutale Weise" aufzulösen. FIGARO bringt die Sarkozys Unterschätzung der Anzahl betroffener Familien zum Ausdruck.

Chirac

Gemäß LE MONDE habe Chirac bei seinem Fernsehauftritt am Montag seine Glaubwürdigkeit verloren.
LA CROIX meint, dass Jacques Chirac die Mehrheit nicht vollständig beruhigt hätte, wohingegen L'HUMANITÉ schreibt, dass Chirac niemanden überzeugt habe.
In LIBÉRATION geht Pierre Marcelle in einem Namensbeitrag auf angebliche Parallelen zwischen dem alternden Pétain und Chirac ein. Chiracs Engagement für einen ehrlicheren Blick auf die Geschichte der Kollaboration während seiner Amtszeit und auch bei der Rede in Verdun am 25.06. wird zwar gelobt, aber die Reflexe des Chirac am Ende seiner politischen Laufbahn ("alter Mann auf dem Abstieg") seien bedauerlicherweise mit denen Pétains vergleichbar.

(Quelle: Pressereferat der deutschen Botschaft in Paris)


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