Alles anzeigen: August 2006

Pressespiegel aus Frankreich 22.08.2006

1. Überblick

Titelseiten heute vermischt, leichtes Übergewicht für das Thema Kandidatenvielfalt bei den Sozialisten, repräsentativ die Überschrift im PARISIEN: "Alle gegen Ségolène": Die Riege der "alten Herren" (Jospin, Strauss-Kahn, Jack Lang, Laurent Fabius) wolle sich mit der handstreichartigen Übernahme der Präsidentschaftskandidatur durch Frau Royal nicht abfinden. LA CROIX mit Aufmacher und Sonderteil zum Thema " Apotheke im Internet: Ein Durchbruch mit Risiko."

International: Libanon, Iran, Wiederbeginn des Prozesses gegen Saddam Hussein, auf den Wirtschaftsseiten Sommerinterview der Bundeskanzlerin in Berlin. In LIBÉRATION ein weiterer Korrespondentenbericht über die Grass-Diskussion, aus Gesprächen mit jungen Leuten in Berlin. LA CROIX bringt einen ausführlichen Bericht aus Shanghai "Die deutsch-französische Schule in Shanghai blüht und gedeiht", die Schule habe sich erweitern müssen und unterrichte von September an 2.100 französische und deutsche Schüler. In LIBÉRATION ein launiges Sommerquiz mit Fragen über Berlin.

2. Wichtiges im Einzelnen

Pressekonferenz der Bundeskanzlerin

Die Sommerpressekonferenz der Bundeskanzlerin beschäftigt die Wirtschaftsseiten bzw. Wirtschaftszeitungen, Schwerpunkt Reformpolitik. Überschrift in LES ECHOS: "Merkel hat Mühe, die wirtschaftliche Erholung für sich zu nutzen." Der Beitrag berichtet über schwache Umfragewerte, den Vorwurf, sie setze zu stark auf das Internationale (erwähnt Paris-Besuch am Freitag, Castel-Gandolfo-Audienz am 28.08. und bisher nach Umfragen von einer Mehrheit der Deutschen abgelehnter UNIFIL-Einsatz der Bundeswehr).

LA TRIBUNE bringt das Thema als Aufmacher. Kommentar: "Ein politisches Ferienende ohne Fehler, aber auch ohne Profil". Und zum deutsch-französischen Verhältnis: "Das Thema Europa glänzte bei der ersten Pressekonferenz der Kanzlerin nach der Sommerpause praktisch durch Abwesenheit - und dies, obwohl Deutschland im Januar den Vorsitz der EU übernehmen soll. Frankreich wiederum trägt immer noch die Brandmarke des 'Nein' zur EU-Verfassung auf seiner Stirn. Die Versuche von Jacques Chirac, in der EU wieder die Zügel in die Hand zu nehmen, haben bisher seine Kollegen kaum überzeugt. Dabei ist es wichtig, dass die EU wieder eine politische Führung bekommt. Frankreich und Deutschland haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie davon einen großen Teil übernehmen können. Doch unter diesem Gesichtspunkt ist das deutsch-französische Tandem noch nicht wieder in Fahrt geraten."

Libanon

Das Thema Libanon ist weiterhin Seiten füllend, auch wenn es bei den meisten nicht den Aufmacher bildet (in LE MONDE und LE FIGARO Titelseitenthema). Dabei konzentriert sich die Presse auf den Aspekt wachsender Vorwürfe aus den USA und Israel an die Adresse Frankreichs, bei den Verhandlungen über die VN-SR-Resolution 1701 ein militärisches Engagement an vorderster Stelle insinuiert zu haben, das nun ausbleibe. Allgemeiner Tenor, dass Frankreich nicht nur in den USA, sondern weltweit unter Druck gerate (LE MONDE: "In den USA muss George W. Bush ein in der Öffentlichkeit hart bedrängtes Frankreich in Schutz nehmen"). In diesem Zusammenhang findet die von Italien geäußerte Bereitschaft, diese Lücke zu füllen, breite Aufmerksamkeit. LE FIGARO lenkt den Blick auf das am Freitag bevorstehende Blaesheim-Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin und bemerkt, dieses werde weitgehend dem Thema Nahost gewidmet sein. LIBÉRATION kontrastiert die hohe Präsenz des französischen politischen Führungspersonals während der bewaffneten Auseinandersetzung im Libanon mit dem völligen "Abtauchen" seit Annahme von 1701. "Geheimsitzungen, eine nach der anderen, um Mandat und militärisches Engagement Frankreichs zur Deckung zu bringen." In Matignon und Élysée heiße es, es sei kein geeigneter Zeitpunkt für Kommunikation.

Ebenfalls in allen Zeitungen: Berichte über die Unruhe im israelischen Militär; zahlreiche Offiziere äußerten sich dahingehend, die Einsatz- und Kampfbereitschaft der Truppe sei durch schlechte Vorbereitung, unzureichende Ausrüstung und vor Allem Entschlusslosigkeit der militärischen und politischen Führer "beleidigt" (LE FIGARO), jedenfalls nicht genutzt worden. LE MONDE mit einem ausführlichen Bericht über die "Versuchung einer zweiten Runde" der militärischen Auseinandersetzung in Israel, nach entsprechenden Äußerungen des israelischen Vizeministers Peretz vom Wochenende.

Iran

FIGARO bringt einen Korrespondentenbericht aus Teheran, der den "Iran auf Konfrontationskurs" sieht und keine Aussicht für eine die Internationale Gemeinschaft befriedigende Antwort am 22.08. mehr sieht, im Gegenteil zusätzlich zu den bisherigen Motiven des Iran dafür, sich nicht aus der Reserve locken zu lassen, weitere hinzugekommen sieht: Den Israel-Hisbollah-Waffengang im Sommer, den israelischen Rückzug aus dem Libanon ("Sieg") und eine mangels Opposition zunehmend straffere oppressive Führung in Teheran, die aus den 1979er Revolutionären bestehe, auf autoritäre Methoden setze und sich von der "internationalistischen" Linie Rafsandschanis und Khatamis in jeder Beziehung definitiv verabschiedet habe, ja aus feindseligen Positionen gegenüber dem Westen ihre eigentliche Stärke beziehe.
Ähnlich pessimistisch LE PARISIEN. Dort Interview mit dem sicherheitspolitischen Experten Bruno Tertrais, der empfiehlt, bei den jetzt notwendig werdenden Sanktionen gegen den Iran solche auszusuchen, die schmerzen (Reisebeschränkungen für politisches Führungspersonal, Einfrieren von im Westen angelegten Bankkonten dieses Personenkreises, aber keine allgemein wirkenden Wirtschaftssanktionen).

(Quelle: Pressereferat der deutschen Botschaft in Paris)


Alles anzeigen: August 2006