Von der Hand in den Mund

Von Tagelöhnern, Herumtreibern oder gestrandeten Deutschen, die „wie Gott in Frankreich“ leben wollten, aber meist keinen Fuß auf den Boden bekommen haben. Hier das Tagebuch eines deutschen „Herumtreibers“ in Frankreich (entstanden aus einer Zusammenfassung von Einzelgesprächen eines deutschen Landstreichers in Frankreich mit AutorMichael Kuss):

Ich heiße Albrecht und komme eigentlich aus Berlin. Alle nennen mich Aldi, sogar die Franzosen. Bei denen lebe ich jetzt schon zwei Jahre. Meistens auf der Straße oder in Abbruchhäusern. Manchmal auch im Hotel. Je nach dem, wie’s mit der Kohle läuft. Und die Kohle ist vom Wetter und den Arbeitsmöglichkeiten abhängig. Um das gleich vorwegzunehmen: Betteln ist auch Arbeit! Harte Arbeit sogar. Aber, ehrlich, da hab’ ich nur in äußersten Notfällen drauf zurückgegriffen, aufs Betteln, Ehrenwort! Aber manchmal war’s eben notwendig. Genauso wie’s Stehlen. Natürlich nur Mundraub, ehrlich! Ich setze mich doch nicht absichtlich in ’nen französischen Knast. Das ist die Hölle, sag’ ich euch! Die Hölle! Dann lieber betteln gehen oder arbeiten. Nur: Arbeit gibt’s ja auch in Frankreich nicht soviel. Obwohl ich nichts gegen arbeiten habe. Nur eben nicht so regelmäßig, verstehn Sie? Wo bleibt denn sonst die Freiheit? Und das Leben? Also, wenn ich soviel verdiene, wie ich so tagsüber brauche, also das reicht mir! Na ja, da kann man in Frankreich schon über die Runden kommen.

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In Paris fing alles an. Logisch! In Paris fängt für die meisten alles an. Aber nicht mehr unter den Brücken an der Seine. Das ist ’n alter Hut. Da spielen die Bullen nicht mehr mit. Razzia. Fast jede Nacht! Sie fallen über dich her, leuchten dir mit der Funzel ins Gesicht, dass du mitten im Tiefschlaf blind wirst, dann raus aus dem Schlafsack und rein in die Minna. Wenn du Glück hast, landest du in einer Sammelstelle, musst duschen, wirst desinfiziert und bekommst frische Unterwäsche aus alten Armeebeständen und ein Frühstück und dann wirst du wieder rausgelassen, bis zum nächsten Mal. Wenn du aber Pech hast, fahren sie dich gleich raus, kilometerweit, vor die Stadt, in den Wald, weit weg von Landstraßen, Autobahnen und Bahnhöfen. Dann werfen sie dich raus, der Schlagstock gibt Nachhilfeunterricht, und dann stehst du da mit ein paar Kumpels, mitten im Wald und nichts zu kauen. Nee, ich sag’ euch, das ist kein Leben.

Aber nur die Anfänger lassen sich von den Bullen schnappen. Oder ein paar total Ausgeflippte, abgefuckte alte Clochards, denen eh’ schon alles egal ist. Aber ich weiß genau wo die Futternäpfe stehen. In Paris ist sogar die Obdachlosigkeit organisiert und bürokratisch verwaltet. Man muss nur wissen, wie das abläuft. Also ich hab’ mich da richtig organisiert. Bin ja schließlich kein Penner! Bin Aussteiger und Freigeist. Mit obdachlosen Pennern hab’ ich nichts am Hut. Lieber fahr’ ich alleine mit der letzten Metro ein paar Takte raus aus der Stadt, bevor ich mich mit zu einer Pennergruppe schlafen lege. Trotzdem: Organisation ist für uns Deutsche alles! Auch in Frankreich. Sonst gehst du vor die Hunde.

Egal wo ich schlafe, aber morgens wird sich erstmal gewaschen und rasiert. Das kann man überall. Nicht nur in Bahnhofstoiletten. Ich geh’ sogar in Hotels rein. Frechheit siegt. Mehr als rauswerfen können sie mich ja nicht, oder? Es gibt ja auch öffentliche Parks mit Trinkwasseranschluss. Da nimmt man einen Pappbecher voll Wasser, das reicht zum Waschen und Rasieren. Wissen’se, wenn ein Landstreicher in seinem Rucksack nicht mal Platz für Rasierzeug und Seife hat, dann soll er die Landstreicherei an den Nagel hängen, das ist nämlich eine Kunst, die muss gelernt sein. Wenn ich in Paris bin, gehe ich am liebsten in den kleinen Park am Seineufer gegenüber von Notre-Dame; da drückt der Parkwächter mit der Trillerpfeife oft ein Augen zu, wenn man unauffällig ist und die Show nicht übertreibt, und Frauen kommen vorbei und geben dir ein Butterbrot oder ein paar Äpfel, oder Touris rücken ein paar Münzen raus, wenn sie uns fotografieren wollen; dann ham’ die später zu Hause in Tokio oder Chicago Gruppenbild mit Hund, denn jeder dritte Stadtstreicher hat’n Hund. Wissense, auf’n Hund iss mehr Verlass als auf’n Kumpel. Jedenfalls bin ich dann gewaschen, und der Tag kann beginnen. Bei den beiden deutschen Pfarrern in Paris gibt’s manchmal ein paar Francs, man darf nur nicht zu oft kommen, die kennen ja ihre Pappenheimer. Oder die schicken dich zu einer Kleiderstelle, wenn du mal’n Wintermantel oder’n Paar Schuhe brauchst. Na ja, und zu essen ist auch meist was da. Aber nicht mehr so wie ganz früher, wo die Restaurants die Essenreste aus dem Hinterausgang in die Seitengasse gestellt und dann die Glocke geläutet haben, zum Zeichen für die Clochards, dass was Essbares wartet. (Anmerkung: Die Glocke = „La Cloche“, - daher der Name „Clochard“ für Stadtstreicher und Obdachlose). Heute wird keine Glocke mehr geläutet; die Küchenhelfer schmeißen die Abfälle verantwortungslos in die Mülltonne, und dann wird darin herum gewühlt, egal ob Hund oder Mensch. Aber auch die Armut ist in Paris organisiert: Abends ab sechs an bestimmten großen Plätzen, die Suppenküchen, mal die Heilsarmee, mal die Stadtverwaltung oder sonst’ne heilige Institution, oder diese Organisation von diesem ehemaligen Komiker, (Anmerkung: Gemeint ist der verstorbene Schauspieler und Kabarettist Coluche, Gründer der „Restaurants du coeur“. Die „Restaurant des Herzens“ existieren heute in ganz Frankreich, werden von 40 000 freiwilligen Helfer und Spenden unterhalten und geben - besonders im Winter - an 2 200 Verteilerstellen in Frankreich täglich rund 450 000 Mahlzeiten an Arme und Obdachlose aus), der iss ja mit’m Motorrad verunglückt und ‘ne Menge Leute behaupten, er sei ermordet worden, weil er sich als Staatspräsident beworben hatte und sowieso ziemlich unbequem wurde. Ich fahr’ oft runter zwischen Bastille und Nation, da gibt’s sogar geheizte Zelte und man muss nicht im Stehen essen sondern hat Bänke und Tische, und es kommen nicht nur Penner hin, sondern sogar anständige Leute, Rentner und so, viele haben sogar ‘ne Wohnung, iss aber trotzdem’n trauriges Volk, wie die da hängen, mit ihren eingefallenen Augen ohne Glanz und den abgeschabten Klamotten. Die Alten und die Rentner essen ruhig und bedächtig, längst haben sie sich abgewöhnt, sich ihrer Armut zu schämen. Andere schieben sich das Essen rein, mit so’nem komischen, resignierten Blick, als hätten sie Angst, jeden Augenblick für ihr Elend bestraft zu werden. Ick hatte nur am Anfang Probleme damit, jetzt mampfe ich drauflos, man gewöhnt sich an alles. Aber weeste, ick möcht’ trotzdem meine alten Tage nicht so verbringen, aber wer weiß, was noch alles kommt ...

Wer nach dem Abendessen noch nichts zum Schlafen hat und nicht in einen Metroschacht will oder von den Bullen aufgegriffen, der geht einfach zu irgendeinem der fünf Pariser Bahnhöfe oder zum Place Chatelet und wartet. Vor Einbruch der Dunkelheit kommt dann so eine Art Sozialpolizei, die sind ganz umgänglich, wir begrüßen uns wie Kumpels, die laden dich ins Sammelauto und ab geht’s zur Übernachtung, mit Dusche und Frühstück. Ist so’ne Erfindung von diesem Monsieur Saubermann, der war mal hier in Paris Law-and-Order-Oberbürgermeister und jetzt iss er sogar Staatspräsident. Aber wahrscheinlich nicht nur, weil er uns nachts von den Straßen geholt hat. Wieso die Sozis nie auf diese Idee mit den sauberen Straßen gekommen sind? Na ja, die Sozis wollen die Armut ja gleich ganz abschaffen, aber die Gaullisten verwalten sie eben besser. Am nächsten Morgen geht’s sowieso wieder weiter. Immer im Kreis. C’est la vie! N’est-ce pas?

Eine Weile klappte es mit dem Schachspiel auf dem Pont d’Iena und im Quartier Latin ganz gut. Ich hatte mich mit einem Schachspiel in eine Ecke mit viel Publikumsverkehr gesetzt. Daneben ein Schild: „Spiele gegen Sie Schach. Wenn Sie verlieren, kostet es nichts. Wenn Sie aber gewinnen, zahlen Sie mir 50 Francs!“ Das war immerhin schon die Summe für einen bescheidenen Couscous in einem arabischen Restaurant. Drei oder vier Gewinner, die zahlen mussten, hatte ich immer pro Tag. So kam etwas Geld ins Haus und ich konnte ab und zu in einem Hotel hinter dem Nordbahnhof schlafen. Bis ein übereifriger Ordnungshüter mir das Schachspiel beschlagnahmte. Begründung: Ich brauche einen Wandergewerbeschein und für „Öffentliche Auftritte“ eine Genehmigung vom Ordnungsamt. Das war mir zuviel Bürokratie und ich verlegte mich auf Handlesen und Horoskope. Im Schneidersitz saß ich in einer der runden Buchten auf der Pont Neuf. Vor mir drei oder vier brennende Kerzen, eine Tasse mit Kaffeesatz, ein Kartenspiel und ein Schild in drei Sprachen: „Handlesen! Zukunftsvoraussage! Die Wahrheit über Ihr Liebesleben!“ Die Franzosen amüsierten sich köstlich über meine dilettantische Clownerie, und warfen mitunter den einen oder anderen Schein in meinen Hut, ohne den Dienst der Glückseligkeit in Anspruch genommen zu haben. Es waren in der Regel die deutschen Touristen, die für ihr Geld auch Ergebnisse sehen wollten. Da war es schon egal, welches Märchen ich auftischte. Hauptsache Leistung gegen Geld. Das gab mitunter eine Menge Spaß und Einblick in unterschiedliche Mentalitäten.

Im Hochsommer lässt sich ja in Paris ganz gut leben. Aber wenn der Herbst sich meldet, wenn die Regenzeit beginnt und der Wind durch die U-Bahnschächte pfeift als läge Paris in der Hohen Tatra, dann heißt es, ab nach Süden sich verkrümeln. Hatte ein paar Tage ein paar Jobs in Rungis, der Großmarkthalle im Süden von Paris. Knochenarbeit. Schweinehälften schleppen und im Akkord Gemüsekisten aus den Güterwagen raus und rauf auf die LKWs stapeln. Wer da vorher nicht richtig schläft und sich falsch ernährt, geht bald auf Krücken. Als ich etwas Geld in der Tasche hatte, bin ich als Beifahrer mit einem spanischen LKW bis runter nach Perpignan, Europas größter Früchteumschlagplatz. Irgendwie kam ich von dort mit einem anderen LKW nach Marseille. Ein Dreckloch. Das heißt, eigentlich gar nicht so übel, interessante Hafenstadt, aber zuviel Gesocks und zu wenig Arbeit. Wer sich in Marseille gehen lässt und nicht auf sich hält, ist schneller im Knast wie ein Bier aus dem Zapfhahn. Ich traf Bolle. Bolle kommt aus Köln und war zuletzt in Spanien. Jetzt war er auf dem deutschen Konsulat in Marseille und wollte Kohle, Geld fürs Essen und für die Rückfahrt nach Deutschland. Aber auf dem Konsulat haben die dem Bolle ein Lied gesungen. Von wegen Geld! Nichts war da! Noch keine 50 Francs haben die ihm gegeben und dann haben sie ihn auf die Autobahn geschickt, er solle per Anhalter fahren. Fünfzig Francs! Nicht mal ein Tag Sozialhilfe! „Wenn Sie mittellos ins Ausland reisen“, haben sie ihm dort gesagt, „dann geschieht das in Ihrer eigenen Verantwortlichkeit. Wenn Sie nicht vorgesorgt haben, und auch zu Hause in Deutschland keine Familie mehr haben, die für Sie aufkommen will, dann sind Sie bei uns auf dem Konsulat falsch. Wir sind kein Sozialamt!“ Aber nicht immer ist das Konsulat so rigoros. Die wägen schon ab, wo sie auch mal helfend eingreifen. Zum Beispiel bei jungen Mädchen, wo das Risiko besteht, dass sie auf krumme Wege oder in die Drogen- oder Nuttenszene abrutschen. Oder wenn der gute Ruf Deutschlands auf dem Spiel steht; bevor so ein Traumtänzer irgendeine große Scheiße im Ausland baut, und dann heißt es: „Seht mal, das war ein Deutscher!“, da kauft das Konsulat lieber vorher einen Fahrschein und setzt die Brüder mit etwas Zehrgeld in den nächsten Zug Richtung Heimat. Aber Bolle stand nun am Alten Hafen vor der Kirche und hielt die Hand auf. Doch Marseille hat genug eigene Bettler, da brauchen die keinen Bolle aus Köln. Ich sagte ihm, komm’ lass’ uns nach Bordeaux oder an die Côte d’Azur ziehen, da beginnt jetzt die Weinlese, oder weiter nördlich die Obst- und Gemüseernte. Aber Bolle wollte nicht arbeiten, er faselte etwas von Fremdenlegion, da bin ich alleine weiter, war mir auch lieber so, solche Typen wie Bolle bringen einen nur in Schlamassel; soll er’s nur mal in der Fremdenlegion versuchen, da kriegt er erst mal seine Spinnereien aus dem Kopf geprügelt, bevor er überhaupt das erste Antragsformular gesehen hat. Das mit den Deutschen hat in der Legion sowieso nachgelassen. Der letzte große Ansturm auf die französische Fremdenlegion lag um die Zeit des DDR-Zusammenbruchs. Da gab es genug ehemalige Stasileute und arbeitslose Offiziere der Volksarmee, die als disziplinierte Deutsche recht gut in der Legion unterkamen. Heute sind es viel mehr Russen oder ehemalige Sowjetoffiziere, die ihr Wissen entweder der Legion zur Verfügung stellen oder als Zuhälter oder Mitglieder der Russenmafia an der Côte d’Azur gelandet sind. Aber sowas würde für mich nie in Frage kommen. Wo bleibt denn da meine Freiheit?

Bis Ende September war ich bei der Weinlese zwischen Aix und Avignon. Den Beginn muss man genau abpassen, wenn man nicht schon vorher eine feste Zusage vom Winzer hat. Den Beginn erfährt man aus der Zeitung, oder auf dem Arbeitsamt, wo am Tag X die Winzer noch die letzten Personallücken füllen und Tagelöhner rekrutieren. Minimalverdienst und krummer Rücken. Und viel Konkurrenz! Früher waren es nur Spanier und Portugiesen, die sogar mit Sonderzügen nach Frankreich kamen und für ein paar Wochen schufteten. Heute sind es die Billigheimer aus Polen und anderen ehemaligen Ostblockländern, na ja, und die Franzosen haben ja selbst genug Arbeitslose, da helfen heute sogar alle Familienmitglieder, Großmütter und Schulkinder in der Weinlese. Wir schliefen beim Winzer in der Scheune. Das Essen war einfach, deftig und reichhaltig. Aber abends waren wir so kaputt, da fielen wir ins Heu wie betäubte Fliegen auf den Mist. In dieser Zeit lernte ich Florence kennen. Florence war neunzehn, aus Marseille und von zu Hause weg und jetzt lag sie neben mir im Schlafsack im Stroh. Mit Florence fuhr ich - wir hatten Geld genug für den Zug - nach La Rochelle und wir fanden einen Job in einer Austernzucht auf der Ile de Ré. Wir wurden in lange Gummianzüge gesteckt und mit einem Hammer bewaffnet in die Austernbänke geschickt. Doch nach Weihnachten war die Saison für uns vorbei. Für die Apfelernte in Calvados war es längst zu spät, und so fuhren wir nach Marseille zurück, weil Florence meinte, im Winter sei man in einer Großstadt besser aufgehoben und außerdem kenne sie da ein paar Leute. Wir fanden tatsächlich Jobs und sogar eine Unterkunft. In einem Hotel, einer mittleren Absteige hinter dem Alten Hafen, wurde Florence Zimmermädchen und ich bekam den Job als Plongeur, also Spüler und Gemüseputzer in der Hotelküche. Wir wohnten zusammen in der Dachkammer des Hotels und konnten auf dem Flur Toilette und Dusche benutzen. Irgendwie überlegte ich mir, dass das mit einer Familie gar nicht sooo schlecht wäre, mit ‘ner regelmäßigen Arbeit und ‘ner Frau zu Hause, denn das mit der Liebe ist unterwegs ja so eine Sache, meistens nur Handbetrieb und nie was Festes. Als ich noch am überlegen war, vielleicht mein Leben zu ändern, war Florence eines Tages weg. Sie hatte mein Geld unter der Matratze genommen und wohl auch noch ein paar Taschen in den Gästezimmern geleert, und ich stand ganz schön beschissen da, und das hätte mich doch beinahe aus der Bahn geworfen, weil ich es bisher noch nicht erfahren hatte, dass sich so Leute wie wir untereinander beklauen. Außerdem war ich ja schließlich auch verliebt in Florence, und diese Enttäuschung ist doppelt bitter. Oder? Aber meine Naivität sollte ich später sowieso ablegen, als ich sah, was an der Côte d’Azur los war. Keine Solidarität unter den Landstreichern. Meist Geier und Aasgeier wenn’s ums Fressen und Überleben geht.

Aus dem Hotel flog ich raus, weil die dachten, ich würde mit Florence unter einer Decke stecken. Aber ich habe Florence erst viele Monate später wieder gesehen, in Nizza, als sie in einer Kneipe von einem russischen Zuhälter verprügelt wurde, weil sie zwei russischen Nutten ihren Stehplatz an der Straße vom Flughafen streitig machen wollte. In Nizza und Cannes lebte ich eine Weile von der Klauerei. Aber nicht in Supermärkten, das war mir zu riskant. Ich klaute nur Essen in den Markthallen. Wenn ich eine Tüte Milch, Käse und Schinken zusammengeklaut hatte, dann reichte das Geld noch für ein Weißbrot und Drehtabak, und damit ging ich runter zum Strand, angelte mir als Lesestoff noch ein paar alte Zeitungen aus dem Papierkorb, streckte mich lang aus und ließ am Strand und in der Frühlingssonne den lieben Gott einen guten Mann sein. Hinter mir das Negresco und vor mir das Mittelmeer. Und in der Badehose ein Landstreicher nicht von einem Filmstar oder Buchhalter zu unterscheiden ist, und ich jung, nicht unansehnlich aber braun gebrannt bin, kam es hin und wieder sogar im richtigen Federbett zu One-Night-Stands - oder auch ein paar Tage mehr - mit braven und neugierigen Touristinnen, denen ich entweder erzählte ich sei Student oder würde gerade eine Sprachschule in Nizza besuchen.

Ostern machte ich mich Richtung St. Tropez auf, blieb aber erstmal in Antibes hängen, weil ein Engländer etwas von Jobs im Sporthafen erzählt hatte. Wir, der Engländer, eine junge Französin und ich liefen dann tatsächlich die Bootsstege ab und fragten die Skipper. Boot für Boot! Die Französin heuerte in der Kombüse eines Seglers an; ein reicher Deutscher wollte einen Acht-Wochen-Turn nach Tunesien machen und benötigte für die Sieben-Personen-Crew eine Köchin. Ein anderer Skipper suchte jemand für Pflege- und Ausbesserungsarbeiten am Boot. Malen und Anstreichen konnte ich auch, aber der Engländer war im Vorteil und bekam den Job; er konnte auch löten und schweißen. Ich durfte für zwei Tage zwei Boote reinigen und abspritzen, hatte deshalb etwas Geld in der Tasche, und landete schließlich doch in St. Tropez. Dort soll das Geld im Sommer ja angeblich auf der Straße liegen, - dachte ich ...

Irgendwann lernte ich auch Georg kennen. Georg ist Deutscher und nach seiner Aussage bereits den vierten Sommer in St. Tropez. Georg ist ein Bulle von Mensch, kräftig wie ein Zuhälter und mit kahl geschorenem Kopf. Er lebt davon, die Zahlstellen der Parkplätze im Hafen zu kontrollieren. Das heißt, er bestimmt, welcher Typ sich an welchen Parkautomaten setzen darf, um das Wechselgeld der Touristen zu erbetteln. Außerdem postiert er noch rund zehn Bettler an den Geldautomaten der Banken. So hat Georg etwa zwanzig Landstreicher, die im Sommer in St. Tropez für ihn arbeiten. Kein anderer darf diese Plätze einnehmen, sonst setzt es Kloppe von Georg und seiner Minimafia. Georg fährt die Plätze mit dem Fahrrad ab; jeder gibt etwa 20 Prozent seiner Einnahmen. Ich erklärte Georg für bekloppt, als er mir diesen Job anbot. Wir trennten uns, und ich versuchte mein Glück mit einem Eimer voll Wasser, einem Schwamm und Spülmittel an einer der Verkehrsampel der Ausfallstraße, um bei Rot schnell für ein paar Francs die Autofenster zu putzen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Zigeuner gemacht. Die boten mir zunächst zwar keine Tracht Prügel an, sondern waren einfach schneller als ich in der Überzahl an den Autos und ich konnte nur doof dastehen und hatte das Nachsehen. Als ich immer noch nicht aufgab, kamen sie zu Viert, bildeten einen Kreis und zeigten zwischen Hand und Hosentasche das Stiletto. Mehr Überzeugungsarbeit benötigte ich nicht. Zum Glück lernte ich einen verrückten Ex-Fotografen und ehemaligen Kriegsberichterstatter kennen, dem seine Arbeit dermaßen die Rübe verbrannt hatte, dass er jetzt seine Brötchen als freischaffender Clown im Jachthafen von St. Tropez verdient. Er heißt Ludowig, ist eigentlich polnischer Jude und eingebürgerter Franzose. Ludowig malt sich Hände, Hals, Gesicht und Füße schwarz an und steht als starre, unbewegliche Statue direkt im Zentrum des Touristenrummels. Dafür rollt der Rubel ganz gut, obwohl auch viele Schmarotzer nur fotografieren aber ihren Obolus nicht entrichten. Ludowigs Hautporen sind völlig von der schwarzen Farbe versaut und die Augen entzündet. Sonnentags ist Ludowig den ganzen Tag vollbeschäftigt aber es war ein verregneter Aprilnachmittag, als ich mit dem Künstler in einer Kneipe ins Gespräch kam. Er kennt dort Tod, Teufel, Kommunalpolitiker, und viele Leute mit Geld und Einfluss. Das macht ihm Spaß, aber er profitiert nie davon. Er fand mich wohl irgendwie sympathisch und vermittelte mir einen Vorsaisonjob in der Bootspflege. Das war zwar keine leichte, aber eine abwechslungsreiche Arbeit mit ziemlich viel Trinkgeld; die Bootsbesitzer gehörten nämlich nicht unbedingt zu den Underdogs dieser Welt.

Im Juni waren alle Boote gestrichen, gereinigt und fahrtüchtig, die Urlauber und Eigentümer kamen, stachen in See, und ich war überflüssig. Auch der Traum, irgendwohin in die weite Welt mitgenommen zu werden, blieb ein Traum. Durch einen Zettel im Aushangkasten des Arbeitsamtes fand ich den Job als Nachtwächter auf einem Campingplatz bei Grimaud. Mit einer schweren Taschenlampe und Funktelefon bewaffnet musste ich nachts diesen riesigen Campingplatz von über zehntausend Stellplätzen ablaufen (das war wie ein überfülltes Dorf mit Halligalli), für Sicherheit sorgen, besoffene Engländer in ihre Wohnwagen bugsieren oder allzu laut singende Deutsche an die Nachtruhe erinnern, die in St. Tropez ohnehin erst gegen Morgengrauen beginnt. Der Job war zwar mies bezahlt, aber ich hatte ein Dach, bzw. ein Zelt über dem Kopf, zu essen und etwas Geld, und der größte Vorteil kam erst am Schluss der Saison, Ende September: Ich konnte mich - da ich eine feste und reguläre Arbeit angenommen hatte - auf dem Arbeitsamt einschreiben und bekam befristet für drei Monate Arbeitslosengeld. Ich hing so ein bisschen herum, fand schließlich Unterkunft in einer abgelegenen Gartenhütte, in die mich Gerhard mitgenommen hatte. Gerhard war mit einem noch in Deutschland zugelassenen alten Ford unterwegs, aber das Kfz-Kennzeichen war längst ungültig und der TÜV abgelaufen. Es gibt da eine ganze Reihe von Typen, egal ob Wessis oder Ossis, die hauen einfach zu Hause mit ‘ner alten Karre ab, und denken dann, in Frankreich achtet eh’ kein Bulle auf abgelaufene deutsche Kennzeichen, was wohl irgendwie auch stimmt. Am Anfang hatte Gerhard wohl auch noch einige Kohle in der Tasche, kam mit ‘ner Freundin nach Frankreich, wollten sich hier angeblich nach’m Job umsehen oder sowas, war aber wohl nur die übliche Schwätzerei. Denn entweder wollten die beiden nicht wirklich Arbeit finden, oder sie haben zu lange rumgetingelt und dann war die Kohle plötzlich alle, und Gerhard hat seine Tussi vor einen Supermarkt zum Betteln gesetzt, einen Teller mit ein paar Münzen in der Hand und den Hund daneben, das wirkt immer. Tierliebe ist eben mehr verbreitet als Menschenliebe. Eines Tages war die Tussi auf und davon, niemand weiß wohin, und Gerhard brachte irgendwelche verlauste und versoffene Typen mit in die Gartenhütte, und deshalb machte ich die Fliege und schlief lieber eine Weile am Strand, weil mir mein bisschen Arbeitslosengeld zu schade war für’n Hotel. Dann traf ich einen echt coolen Hamburger, der war mit einem VW-Campingbus und einem Saxophon unterwegs. Er hatte sich am Strand mit seinem Bus genau neben meinen Schlafplatz gestellt und wir kamen ins Quatschen. Mit dem Saxophon spielte er in den Gassen zwischen den Touristen, wo ihn jene Frau anmachte, die ihn schließlich mit ihrer Jacht nach Griechenland mitnehmen wollte. Der Deutsche sagte zu (hätte ich auch nicht nein gesagt, aber ich habe ja von Booten keine Ahnung), er stach mit der Tussi und dem Saxophon in See und verkaufte vorher seinen Minibus für einen Apfel und ein Ei an mich. Na ja, und damit hat sich mein ganzes Leben und mein Sozialstatus völlig geändert. Ich hänge nicht mehr auf der Straße herum. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Bin unabhängig und mobil. Mal sehen wie’s jetzt weiter geht. Schließlich bin ich ja auch schon Achtundzwanzig ...