Marseille und Toulon: Nachbarn und Konkurrenten

Marseille und Toulon, beides Hafenstädte, beide am Mittelmeer gelegen, beide Nachbarn und doch grundverschieden; Marseille mit rund 820.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Frankreichs (nach Paris und Lyon) viel größer als das 65 Km entfernte östlich plazierte Toulon mit «nur» 120.000 Menschen. Vielleicht könnte man diese beiden südfranzösischen Hafenstädte noch am besten mit Bremen/Bremerhaven und Wilhelmshaven vergleichen. Marseille als wichtigster und größter Hafen Frankreichs wirtschaftsbetont für Ex- und Import sowie für die riesigen Ölrafinierien; dagegen Toulon als Hafen (bereits 1485 von Heinrich IV.) primär zu militärischen Zwecken erbaut; strategischer Haupthafen für die französische Marine, mit Atom-U-Booten und Flugzeugträgern, u.a die «Charles de Gaule». Wenn es irgendwo in der Welt brennt und französisches Marine-Militär kommt zum Einsatz (z.B. bei Uno-Aufträgen oder in der internationalen Terrorismusbekämpfung), werden die Schiffe in Toulon losgeschickt, nicht ohne vorher aus den immensen Waffen-Arsenalen rund um die Buchten (Rade) von Toulon bestückt worden zu sein.

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Die Häfen von Marseille

Ganz anders die neuen Häfen von Marseille, wo sich kaum ein Flottenbesuch hin verirrt, wo aber für Frankreich lebenswichtige Güter aus aller Welt ankommen und aufs Land verteilt, bzw. das Öl in den Raffinierien von Fos sur Mer (westlich zwischen Marseille und dem internationalen Flughafen Martingant gelegen) von der Chemo-Industrie (Beachte: ELF-Arquitaine) gebunkert und verarbeitet werden. Gemeinsam haben die beiden Häfen von Marseille und Toulon noch die täglichen und regelmäßigen Fährverbindungen nach Korsika und Nord-Afrika. Jene nordafrikanischen Länder (Maghreb-Staaten), die ohnehin in der arabisch-französischen Geschichte – in Folge der früheren Kolonien – eine demoskopische und soziale Rolle im Leben der beiden Städte spielen: Nach der Aufgabe der französischen Kolonien in Tunesien, vor allem aber Marokko und Algerien (sowie in Schwarz-Afrika Senegal und Tschad), kamen nicht nur zahlreiche arabische und schwarzafrikanische Menschen in die südfranzösischen Mittelmeerorte, sondern auch «heimatlose» Afrika-Franzosen, sogenannte Schwarzfüße (Pieds noir), die als Kolonialherren bisher recht gut in den Kolonien gelebt hatten und nach 1965 als Flüchtlinge vor dem Nichts standen.

Beide Gruppen, Schwarzafrikaner und Araber auf der einen Seite, sowie die «Schwarzfüße» mussten integriert werden; eine soziale und finanzielle Aufgabe, die weder Toulon noch Marseille bis heute wirklich gemeistert haben. Zwar bekamen die französischen Schwarzfüße als «richtige» Franzosen Abfindungen für «verlorenes Land» und für die von Algerien enteigneten Geschäftsaktivitäten, und konnten sich in Südfrankreich zwischen Marseille, Toulon und Nizza einigermaßen bequem niederlassen. Aber die Afrikaner (französisches Schimpfwort: «Boungnoles», steht als Rassismus-Äußerung unter Strafe) hausten und hausen - oft illegal – in den Slums und Außenbezirken von Marseille oder in der Innen-und Altstadt von Toulon, und bilden hier nicht nur soziale Brennpunkte (hohe Arbeitslosenzahl von über 20 Prozent, erhöhte Kriminalitäts- und Drogenrate), sondern auch Veranlassung für Vorurteile und Rassismus, und in diesem Zusammenhang das Ansteigen der politischen Extremrechten. Deren Wahlanteile bei den letzten Präsidentschaftswahlen vor acht Wochen und den gerade zur Zeit stattfindenten Parlamentswahlen in Marseille und Toulon lagen mit fast 30 Prozent Stimmenanteil mehr als doppelt so hoch, als im übrigen Frankreich. Toulon hatte sogar für einige Jahre einen rechtsextremen Bürgermeister aus den Reihen von Le Pen, dem Führer der Nationalen Front. Es kam jedoch zu kriminellen Affären und zu Korruption, verbunden mit dem Unvermögen konstruktiver parlamentarischer Arbeit, die dem rechtsextremen Mehrheitsspuk in Toulon schnell ein Ende machte. Trotzdem ist Südfrankreich mit Marseille, Toulon (auch Nizza weiter im Osten an der Côte d’Azur) weiterhin eine Hochburg der nationalistischen und rechtsextremen Front National. Und dies, obwohl beide Städte – auch auf Grund ihrer hohen Bevölkerungsanteile an Arbeitern und «kleinen Leuten» - noch vor zehn Jahren von der Sozialisten regiert wurden. Aber Politikverdrossenheit hat sich breit gemacht; besonders die Jugend glaubt an keine politischen demokratischen Parteien mehr, mit dem Frust kommen die Rechtsextremen, aber auch die Nichtwähler. In einem Marseiller Wahlkreis gingen letzten Sonntag 45 von 100 Wahlberechtigte nicht zur Wahl. Dabei geht es Marseille wirtschaftlich und vor allem kulturell «noch gut», wenigstens besser als dem ewig benachteiligten Toulon, dem schon jahrelang das Geld fehlt, um einen Autobahntunnel unter der Stadt fertig zu stellen und damit den täglichen Stau zu vermeiden, der sich morgens und abends lärmend, langsam, und stinkend durch die überfüllten und total verbauten Straßen und Häuserschluchten Toulons schiebt und viele Touristen von einem Besuch abhält, die dann viel lieber Marseille bevorzugen, oder weiter östlich nach St. Tropez pilgern.

Aber Toulon hatte es nach dem zweiten Weltkrieg nicht einfach: 45 Prozent der Häuser und fast die gesamten Hafen- und Fabrikanlagen waren von Bomben zerstört; beim Wiederaufbau wurden – auch in Folge von Korruption – so viele architektonische Fehler gemacht, dass das Stadtbild von Toulon heute uneinheitlich ist wie ein Fleckenteppich. Der aber kann sich nicht ausweiten, denn Toulon wird im Norden fast völlig von bis zu 800 m hohen Bergen und Gebirgsketten umrahmt, die die Stadt zwar vor kalten Nordwinden ünd Regengüssen schützen, aber den Immobilienmarkt in Grenzen hält. So haben sich Klein- und Mittelindustrie, besonders Großmärkte und Zulieferbetriebe entweder bis in die Wohngebiete eingeschlichen, oder auf jenes Flachland im Westen und Osten Toulons ausgedehnt, das eigentlich als Strand- und Erholungsgebiet gedacht war.

Glücklicherweise haben beide Städte, Marseille und Toulon, in einem Kraftakt mehrere Kilometer vom Meer zerfressener Strände jetzt in Naherholungsgebiete umgewandelt. Zwischen weiten und sauberen, langgezogenen Stränden bieten sich fast alle Sportarten von Kanu bis Trimmpfade an. Hinzu kommen zahlreiche Kneipen, Restaurants, Kleinbühnen und Musikschuppen, kulturelle Veran-staltungen, die schon auf Grund der höheren Einwohnerzahl in Marseille größer und vielseitiger sind. Wenn Toulon nur ein Opernhaus, acht Schwimmbäder und 26 Boule-Plätze aufweisen kann, sind es in Marseille mehrere Opernhäuser bzw. Theatergebäude, Balett- und Konzertgebäude, 180 Bouleplätze, 22 Freibäder und neben zahlreichen Sportplätzen vor allem das Fußballstadion von Olympic Marseille, jener legendären Mannschaft, die für Südfrankreich so viel bedeutet, wie der FC Barcelona für Katalunien. Dafür schlagen in Toulon die Sport-Herzen höher für Rubgy und Basketball; beide Sportarten spielen für Toulon sogar eine wichtige nationale Rolle.

Während man in Toulon als Tourist bequem die urige und renovierte Altstadt und den lebhaften Militär- und Sporthafen in einer knappen Stunde durchwandert – oder mit dem Ausflugsboot durchquert - hat, braucht man in Marseille alleine für die zahlreichen Fisch-Spezialitätenrestaurants am Alten Hafen mehrere ausgehungerte Tage. Das gleiche gilt für die wenigen Toulon- und die zahlreichen Marseille-Museen, die auf Kunst, Kultur und vor allem auf die Geschichte der beiden Städte hinweisen. Denn neben Römern und Griechen waren auch Araber, Zarasanen, Spanier, Italiener und letztlich sogar Deutsche in der Gegend, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Marseille, bereits 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung von den Phöneziern besiedelt, hatte zur Zeit der Römer bereits 50.000 Einwohner. Als Toulon noch eine kleine Wohnsiedlung, ein Weiler war, hatten Griechen udn Römer Marseille (Marsellas) bereits als Handelshafen und als Festung ausgebaut. Toulon erreichte erst im Mittelalter Bedeutung, als die Provence zu Frankreich kam und die französischen Könige für ihre Machtausbreitung – und damit für Kriege - einen eigenen Hafen, nämlich Toulon, benötigten.

Heute sind beide Städte Hauptstädte ihres Departements, die man in etwa – aber nicht völlig – mit den deutschen Ländern vergleichen kann. Nachdem die Pariser Zentralmacht in der Nach-De-Gaulle-Äera Federn und den Regionen mehr Eigenständigkeit lassen musste, wurde Marseille als Hauptstadt des Departements Bouche du Rhone und Toulon als Hautstadt des Departements Var auch politisch bedeutender. Beide Regionen haben eigene Parlamente, deren Befugnisse allerdings nicht so weit wie die der deutschen Länderparlamente gehen. Die zentrale Macht liegt in Frankreich noch immer in Paris.

Verkehrsmäßig hat Marseille größere Vorteile als Toulon: Die Bahnhöfe Blancarde und St. Charles sind durch den Schnellzug TGV (Train de grande vitesse) direkt und beinahe stündlich mit Lyon und Paris verbunden, deren Strecken mitunter schneller zum Ziel führen als die nationalen Fluglinien der Air-France, die allerdings vom Flughafen Marseille auch internationale Anbindungen nach Europa und weltweit anbietet, während Toulon mit der Eisenbahn vor allem lokale Bedeutung und mit dem Flugzeug nationale Bedeutung hat ; mit einigen Ausnahmen, wo Flüge auch nach Deutschland und Europa angeboten werden, sowie die TGV-Strecke von Paris an die Côte d’Azur in den kommenden Jahren von Marseille weiter über Toulon nach Nizza und Monaco bis zur italienischen Grenze bei Ventimiglia ausgebaut werden soll. Von den Autobahnen profitieren beide Städte gleichermaßen, sie liegen am gleichen Streckennetz. Wobei auch hier wieder Vorteile bei Marseille liegen, wo schon auf Grund der stärkeren Industrialisierung und auch wegen dem Flachland im Westen und Norden von Marseille mehr Autobahnen gebaut wurden.

Die Lebensqualität wird von den Menschen in Marseille höher eingestuft als in Toulon. Das kulturelle Angebot, die Freizeit- und Sportmöglichkeiten sind in Marseille unbestritten größer und vielseitiger. Marseille kann sich noch ausdehnen. Im Norden stehen die Universitätsstädte Aix en Provence bzw. die Festival- und Kulturstadt Avignon nicht nur als «kulturelle Fluchtpunkte» zur Verfügung, sondern auch als Wohngebiet für betuchtere Marseiller Bürger. Obwohl die industrielle Ausdehnung Marseilles nach Westen abgeblockt ist: Wenn die Ölraffinierien hinter Fos sur Mer sich den Salz-Salinen von Port St. Luis am äußersten westlichen Zipfel nähern, macht ab dort das Naturschutzgebiet der Camargue allen Industrialisierungsbestrebungen einen Strich durch die Rechnung. Von einem Moment auf den anderen enden die Türme, Kuppeln und Leitungen der Ölraffinerien und es beginnen die Weiten der Camargue. Nur ein leichter Wind zieht dann verträumt und geheimnisvoll vom Meer an den Armen der Rhone-Mündungen entlang in Richtung Arles und Nimes, vorbei an Flamingos und den noch immer wilden Pferden der Camargue, und man vergisst, dass man nur eine knappe Autostunde vom lärmenden Zentrum einer Hafen- und Wirtschaftsmetropole Marseille entfernt ist.