Kritik und Meinungvon Michael Kuss

Und wenn ich Präsident wäre, würde ich alles anders machen!

Was mir und anderen in Frankreich nicht gefällt, was wir kritisieren und was mitunter Bauchweh bereitet:

Nein, wir wollen weder Revolution machen noch beleidigen. Aber ein bisschen Kritik ist ab und zu schon angebracht. Auch wenn wir meistens “nur Gäste” im europäischen Haus Frankreichs sind. Aber wir sind auch Europäer. Mit Rechten und Pflichten. Und eines der demokratischen Rechte aller europäischen Mitgliedsländer ist, auch mal Dampf abzulassen. Natürlich konstruktiv.

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 Hier kritische Anmerkungen - vom Autor selbst - und von Deutschen, die entweder fest in Frankreich leben (und meistens hier auch arbeiten), oder von Urlaubern und Gelegenheitsbesuchern, denen trotz des insgesamt positiven Erscheinungsbildes einiges auch negativ in Frankreich aufgefallen ist. Vielleicht ist nicht jede Kritik in jedem Fall gerechtfertigt (jede Medaille hat ja bekanntlich zwei Seiten). Und so sieht der Autor schon einige Personen und Institutionen in Frankreich, die beleidigt sind und rufen werden: “Von einem Deutschen lassen wir uns überhaupt nichts sagen! Die sollen doch erst einmal den Dreck vor ihrer eigenen Haustür fegen!” Als europäischer Autor und Journalist würde ich antworten: “Nicht nur ich mache diese kritischen Anmerkungen, sondern Ihre Landsleute selbst! Denn alles was hier beschrieben ist, wird durch tägliche Nachrichten in der französischen Presse, bei Radio und Fernsehsendungen bestätigt!” Wenn nun durch die folgenden Beispiele zumindest Diskussionen angeregt werden, dann hat diese Initiative ihren Zweck erreicht:

Fatales Verkehrsverhalten:

Auf das fatale Verhalten im französischen Straßenverkehr mit seinen negativen Auswirkungen wurde in diesem Buch bereits mehrmals hingewiesen. Daran gibt es auch in diesem Kapitel nichts zu beschönigen. Im Gegenteil! Hier ohne Kommentar einige Überschriften französischer Tageszeitungen innerhalb einer Woche Anfang September 2001:

  • Frankreich ist Europas Nummer Eins bei Verkehrstoten!
  • Meiste Unfallursachen: Tagsüber Raserei, nachts Trunkenheit!
  • Wenige Verkehrs-Rambos ramponieren den Ruf der französischen Mehrheit!
  • Polizei geht jetzt ohne Erbarmen gegen Verkehrsrowdys vor!
  • Bei 209 Kontrollen 132 Verkehrsverstöße festgestellt!
  • Trunkenbold überfuhr Fußgänger auf Zebrastreifen!
  • Überhöhte Geschwindigkeit und gefährliches Überholen Hauptunfallursache!
  • Verkehrssünder schlug sich mit Polizei, als er zahlen sollte!
  • Jetzt bilden sich regionale Bürger-Initiativen gegen Verkehrsrowdys!
  • Jeder zweite Unfall durch Drogen verursacht!

Der französische Fernsehjournalist und Buchautor Jean Amadou schreibt in seinem Buch “Vous n’etes pas obligés de me croire!” (Sie sind nicht verpflichtet mir zu glauben! Verlag Robert Laffont, Paris, ISBN 2-221-08918-9) unter anderem über das Verkehrsverhalten der Franzosen:

“...et parlons maintenant du plus surprenant de tous, cet être exuis...ce poèt de la route: le conducteur francais. C’est au volant qu’ondiscerne ce vieux fonds gaulois qui sommeille en lui et qui faisait dire á Jules César que ce peuple était imprévisible et que ses réactions n’étaiient jamais celles d’un être sensé. Il suffit de faire une centaine de kilométres sur une route de vacances pour se convaincre que nous n’avons guère changé. Le conducteur francais a le vague souvenir d’un bouquin qu’il a parcouru jadis et qui s’appelle LE CODE DE LA ROUTE. En ayant appris les rudiments pour passer son permit, il s’est empressé de les oublier dès qu’on lui a donné le précieux cartons. Depuis, il conduit à l’intuition, suivant son humeur, considérant que puisqu’il est francais, toute interdiction, toute limitation est une entrave à sa liberté...”

(Jean Amadou, eine Art “Till Eulenspiegel von Frankreich”, hat seit 1978 mehr als zwölf Bücher veröffentlicht und in unzähligen TV-Shows mitgewirkt, in denen er zwar satirisch-humorvoll, aber immer auch mit Nachdruck und Ernst seine Landsleute und französische Institutionen, vom “göttlichen Politiker” bis zum “göttlichen Arzt”, auf’s Korn nimmt.)

Wenn Majestät böse wird... Oder: Unkritischer Untertanengeist und Schönfärberei in einigen Lokal- und Regionalzeitungen:

Anlässlich der französischen Kommunalwahlen hatte der Autor des vorliegenden Ratgebers als Journalist einen Bericht über St. Tropez in einer deutschsprachigen Zeitung veröffentlicht. Darin ließ er einige Bewohner des weltberühmten Ortes zu Wort kommen; einige kritisch gegenüber dem amtierenden Bürgermeister - der sich wieder zur Wahl stellte und bei Umfragen Kopf an Kopf mit seinem Herausforderer lag -, andere Einwohner hatten eine positive Meinung. Der Bericht war also ausgewogen und lag mit seinen Aussagen im gleichen Verhältnis wie das angesagte Kopf-an-Kopf-Rennen (und wie das spätere Wahlergebnis: 50,1 zu 49,9 Prozent; der alte und neue Bürgermeister gewann mit 14 Stimmen Vorsprung). In allen Fällen wurden in der Reportage die Meinungen aus der Bevölkerung mit Anführungszeichen als wörtliche Rede dargestellt, um klar die Meinung der Betroffenen von dem Bericht des Journalisten abzugrenzen.

Eine französische Regionalzeitung an der Côte d’Azur fand diesen Bericht interessant, und druckte ihn - mehr oder weniger gut übersetzt - in Französisch ab. (Anmerkung: Ohne die deutsche Zeitung oder den Autor um Erlaubnis oder Nachdruckrechte zu fragen; auch das Honorar steht bis heute noch aus). Doch das Bemerkenswerteste war: Es wurde in der französischen Veröffentlichung die “wörtliche Rede” ausgelassen, so dass man ohne weiteres den Eindruck gewinnen konnte, die kritischen Anmerkungen gegen den Bürgermeister sind eine persönliche Meinung des deutschen Journalisten, der sich “erdreistet” hat, seine Hoheit, den Bürgermeister von St. Tropez zu kritisieren. Das war und ist dort noch Majestätsbeleidigung wie zu den vor-revolutionären Zeiten von Versailles, als man das Wort “Demokratie” noch nicht einmal unter vorgehaltener Hand flüstern durfte. Seine Majestät le maire reagierte sofort sauer und ließ seinen Pressesprecher verkünden: “Wie kommen Sie als Gast dazu, einen verdienstvollen französischen Politiker so polemisch zu kritisieren?” Der Pressechef sagte als Strafmaßnahme ein bis dahin schon lange geplantes Interview zwischen Bürgermeister und Autor - zu den Fragen “Tourismusentwicklung, Kriminalität und interkommunale Zusammenarbeit” ab, und veranlasste wahrscheinlich die Streichung des Autors von der Presseliste aller Institutionen und Verwaltungsstellen von St. Tropez. Jedenfalls war es dem Autor in der Folge nicht mehr möglich, über die früheren und sonst üblichen Quellen an St. Tropez-Informationen zu gelangen oder Gesprächstermine zu bekommen. Seine Telefonanrufe kamen über das erste Vorzimmer nicht mehr hinaus. Gleichzeitig wurde vom Bürgermeisteramt bei einigen Zeitungsredaktionen interveniert, mit dem Ergebnis, dass der Autor keine kritischen Manuskripte mehr veröffentlichen konnte. Jene französische Regional-Zeitung, die den Bericht verfälscht und unerlaubt wiedergegeben hatte, sah sich noch nicht einmal veranlasst, den Fehler zu berichtigen oder gar zu bedauern. Der Autor rannte gegen eine Mauer des Schweigens. Seine schriftlichen Interventionen blieben unbeantwortet. Der Maulkorb saß. Der Verdienstausfall auch. Na ja, und von der viel gepriesenen Pressefreiheit wollen wir erst gar nicht reden. Nachträglicher Eintrag vom Autor: “Hätte ich damals klein beigegebene, mich angepasst und Lobeshymnen geschrieben, ich wäre danach zu jeder Jet-Set-Party eingeladen worden, willkommen im Club...!”

Nun könnte man geneigt sein zu sagen, es hätte sich wahrscheinlich um eine Ausnahme gehandelt. Das Gegenteil ist der Fall. In einigen Provinzen gehören Untertanengeist und unkritischer Journalismus zum Ekel erregenden Alltag. Als würden die Begriffe der französischen Revolution “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” in Teilen der Lokal- und Regionalpresse immer nur für die gerade an der Macht befindlichen Politiker gelten. Manchmal könnte man Bauchschmerzen bekommen, wie zahm, wie unkritisch, wie untertänig und angepasst meist junge, meist schlecht bezahlte, abhängige und um ihren Job bangende Journalistinnen und Journalisten den Mächtigen nach dem Mund schreiben. Als wären sie der verlängerte Arm eines Provinzfürsten oder die Werbeagentur einer Partei oder eines Vereins, vor deren Eitelkeit, Wut und Bannstrahl jede journalistische Professionalität vernachlässigt wird, aus Angst vor persönlichen Nachteilen, oder aus Angst vor dem Verlust von Werbeeinnahmen. Da nämlich jeder jeden kennt und Vitamin B das oberste Gesetz ist, will man es mit niemand verderben, man kann ja nie wissen, wie der Wind morgen oder übermorgen weht. Nach dem Motto “Tust du mir heute mit einem für mich positiven Presseartikel einen Gefallen, werde ich dir morgen bei einer Beförderung oder bei der Wahl ins Amt des Präsidenten vom Tennisclub behilflich sein”. Dass es sich hier um das übliche Gesellschaftsspiel handelt, muss wohl mit Bedauern hingenommen werden; dass sich aber Journalisten daran beteiligen oder sich zu Handlangern und Hofnarren machen, erzeugt Übelkeit und Angst.

Es erscheinen eher zehn Fotos vom amtierenden Bürgermeister (wie er jene Schauspielerin begrüßt, oder jene Segelregatta eröffnet, oder sich bei einem Gala-Dinner den Mund abwischt und süßlich lächelnd zur Festrede anhebt), aber bevor ein Foto von Jugendlichen und Straßenkindern kommt, die endlich einen Jugendclub einfordern, oder die Situation von Saisonarbeitern, die in Hundehütten hausen, bevor so etwas in der Provinzpresse kritisch beleuchtet wird, da muss ein Redakteur schon wirklich einen guten Tag erwischt haben. Und dann - siehe oben - können Hochwürden und Lakaien stinke sauer werden. So werden in der französischen Provinz die gesellschaftlichen Süppchen gekocht. Nur in der Provinz...?

In der Tat, im Ergebnis benehmen sich diese modernen königlichen Hoheiten dann auch wie zu Zeiten des Sonnenkönigs. Selbstherrlich, eitel, jovial und unkontrolliert - man weiß ja die angepasste Lokalpresse hinter sich - wird “Politik” gemacht. Dazu hätte man eigentlich nicht die Bastille stürmen müssen. Unkritische Journalisten beweihräuchern jede Straßen- oder Flughafenerweiterung als weitsichtige Tat, ohne dabei vielleicht einmal mit Umweltschützern über die Kehrseite der Medaille gesprochen zu haben oder kritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Dabei macht es überhaupt keinen Unterschied, welche politische Coleur gerade Unsinn verzapft. Die Korruptionsrate unter französischen Politikern hält sich vom gallischen Hahn bis zur sozialistischen Rose - bisher - wohl die Waage. Es vergeht kein Tag, wo nicht irgendwo ein Bürgermeister oder andere Lokalpatrioten (von den ganz Großen in Paris hier mal abgesehen. Bonjour Monsieur Strauss-Kahn! Hallo ihr Spezies von ELF! Salut Monsieur Mitterand und gegrüßt sei auch Monsieur le Président Jaques Chirac) nicht in die eigene oder in die Tasche von Vettern gewirtschaftet haben und darüber stolpern. Und so kommt es schließlich, dass jene Provinzzeitungen, die vorher die Großtaten der Mächtigen Wochen- und Jahre lang gelobhudelt hatten, sich plötzlich vor der Aufgabe sehen, wenigstens über das Ende einer Politkarriere in Zusammenhang mit einem Korruptionsskandal zu schreiben. Aber selbst dann werden Ursachen, Hintergründe, Werdegang und Zusammenhänge kaum recherchiert und veröffentlicht.

Zum Glück übernehmen das die meisten großen und kritischeren französischen Presseorgane in Paris und vor allem bestimmte hochwertige Sendungen im französischen Fernsehen. Dort wird oft Klartext geschrieben und geredet. Dort geht’s unter hartnäckigen Journalistenfragen zur Sache, bis sich die prominenten Primaten das Kreuz verbiegen und klein werden (und mitunter sogar zu bescheidenen Haftstrafen verurteilt werden, auf welches Wunder wir in Deutschland bei ähnlichen Affären ja noch immer hoffen). Bis in die französische Provinz ist dieses ur-demokratische Prinzip leider noch nicht vorgedrungen. Und Frankreich besteht aus vielen Prozenten Provinz, zumindest was den kritischen Journalismus in der Lokal- und Regionalpresse betrifft.

Wir beobachten die Bande! Und dann schlagen wir zu!

Polizeidienststellen behandeln Beobachtungen aus der Bevölkerung und Zeugenaussagen nicht immer nachhaltig und seriös genug

Nein, natürlich schlafen sie nicht, die französischen Polizisten und Sicherheitskräfte. Ihr Job ist schwer genug, ist lebensgefährlich und wird selten gewürdigt. Franzosen wollen Sicherheit, aber sie lieben ihre Polizei nicht. Trotzdem - oder gerade deswegen - verwundert es mich, wie lasch, wie fatalistisch einige Sicherheitskräfte manche Zeugenaussagen und Beobachtungen aus der Bevölkerung behandeln. Gerade angesichts der Terroranschläge in den USA macht mich das betroffen und nachdenklich. Hier einige Beispiele:

Terroristen gibt es nicht...!

Ein deutscher Reisebusfahrer wartete am Pariser Flughafen Charles de Gaulle auf Gäste und vertrieb sich die Zeit, indem er einen seltsamen Mann beobachtete, der mit einer Minox jeden Winkel des Großflughafens fotografierte. So gelangweilt wie möglich, aber neugierig und hellwach, ging der Busfahrer dem interessanten Burschen nach. Der fotografierte lustig und heimlich weiter; selbst Toiletten und Kofferfließbänder, Eingangstüren und Abfertigungsschalter schienen ihm fürs Foto-Album als Frankreich-Souvenir geeignet. Dies geschah lange vor den Terror-Anschlägen in den USA; es geschah zu einer Zeit, als Frankreich unter tödlichen Bombenanschlägen in der Pariser Metro zu leiden hatte. Heute wissen wir, dass Terroranschläge auf öffentliche Gebäude, Botschaften und Flughäfen bereits bis ins Detail geplant waren...

Der deutsche Busfahrer, der französischen Sprache mächtig, sprach den nächsten Polizisten an und machte ihn auf den fotografierenden Araber aufmerksam. Der Polizist bedankte sich und sagte: “Merci! Ich werde meiner vorgesetzten Dienststelle Meldung machen!” Der Deutsche ließ aber nicht locker und wandte sich an einen Uniformierten, dessen Uniform noch bunter war und wohl einen höheren Rang symbolisierte. Dessen Antwort: “Das wird ein Tourist sein! Wir können Touristen nicht das Fotografieren verbieten!” Unser Busfahrer, dem mittlerweile ein Kloß im Hals zu würgen schien, suchte und fand zwei schwarz gekleidete Spezialpolizisten von der CRS, die mit ihren lässig über die Schulter geworfenen MP’s durch die Ankunftshalle schlenderten, um Ausschau nach Terroristen zu halten und für Sicherheit zu sorgen. Die ließen sich endlich den Fotografen detaillierter beschreiben und gaben die Beschreibung über Funk weiter. Eine halbe Stunde später - die Gäste waren unterdessen angekommen und der Bus unterwegs Richtung Paris - fuhr der Busfahrer unter einer Brücke durch und eine Weile außerhalb am Rollfeld entlang. Auf der Brücke stand unser Fotograf und fotografierte - mit einem Teleobjektiv die Concorde beim Abheben, bis zum Rückzug der Mechaniker mit Rolltreppe und Sicherheitsanlagen. Touristen können garnicht genug Souvenirs von Paris mit nach Hause bringen...

„Verhaften und wieder laufen lassen...?! Polizei steht hilflos der Justiz gegenüber

Am Golf von St. Tropez gab es eine Welle von Villen-Einbrüchen und Autodiebstahl, die besonders die dort lebenden Ausländer beunruhigten. Wenig später hörte eine Frau, Zeitung lesend in einem Bistro, am Nebentisch die Unterhaltung zwischen einem Deutschen und zwei Franzosen, aus der sich klar ein Zusammenhang und eine Mittäterschaft zu den kriminellen Vorfällen der letzten Wochen erkennen ließen. Über Handy informierte die Zeugin die Gendarmerie. Die war wohl irgendwie momentan anderweitig beschäftigt, jedenfalls konnte sie nicht kommen, und bat die Frau, doch aufs Kommissariat zu kommen und ihre Aussage als Protokoll aufnehmen zu lassen. Noch Wochen gingen die Einbrüche weiter. Der Schwarzhandel mit gestohlenen Autos floriert, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. (Die gefälschten Nummernschilder zieren noch heute auf den Straßen das Verkehrsbild). Jetzt haben die drei Verdächtigen umgesattelt: Sie lassen illegal Ausländer ins Land kommen und vermitteln sie als billige Schwarzarbeiter. Die vermeintliche Zeugin fragte nach vier Monaten auf der Polizeistelle nach, was aus ihrem Protokoll geworden ist. “Wir beobachten die Bande!” hieß es. “Und dann schlagen wir zu!”

“L’état - c’est moi! Regierung der Sonnenkönige” konsultiert zu wenig das Parlament

Am 28. September 2001 kritisierte “Le Monde” erneut, diesmal sogar im Leitartikel über den Kampf gegen Terrorismus, die mangelnde Bereitschaft der französischen Regierung, wichtige Debatten und Entscheidungen vor das französische Parlament zu tragen und dort zu diskutieren. Stattdessen wurde, wie so oft, das Parlament überhaupt nicht gefragt, sondern auf höchster Regierungsebene entschieden; diesmal über die Maßnahmen zur Unterstützung der USA bei der Bekämpfung gegen den internationalen Terrorismus. “Alleine schon aus symbolischen Gründen”, so Le Monde, wäre es besser gewsen, wenn sich die Regierung an das Parlament gewandt hätte. All jene, die schon lange eine Aufwertung des Parlamentes fordern, hätten eine Chance verpasst. Le Monde erinnerte erneut daran, die Haltung der französischen Regierungen, sich bei wichtigen Anlässen nicht an das Parlament zu wenden, müsse sich umgehend ändern. Neben Le Monde erinnern weitere französische Journalisten daran, dass französische Regierungen gerne am Parlament vorbei regieren. Dieses “Gehabe von Sonnenkönigen” sei in anderen westlichen Ländern, auch in Deutschland, kaum möglich. Das schrieb „Le Monde“.

“Backe-backe Eierkuchen...! Wenig Zusammenarbeit bei inter-kommunalen Problemen

Früher war die Zentralmacht in Paris übermächtig. Kommunen und Regionen hatten nichts zu sagen; wegen jeder Kleinigkeit musste in Paris bei der Zentralverwaltung nachgefragt werden. Jetzt hat die Zentralgewalt Federn gelassen und die Gemeinden und Departements haben eigenständige Parlamente und Regierungen (allerdings nicht mit dem förderativen Länder-System der Bundesrepublik Deutschland zu vergleichen). Trotzdem: Heute kann jede Gemeinde - theoretisch - z.B. notwendige Baumaßnahmen vornehmen lassen (wenn die Finanzierung geregelt ist). Aber jetzt schaut keine Gemeinde mehr über den eigenen Tellerrand hinaus, sieht und behandelt alles nur noch in den Grenzen des eigenen kleinen Horizontes. Jedes Dorf will eine eigene Müllverbrennungsanlage, eine eigene Wasserversorgung, einen eigenen Bürgermeister und eigene Abgeordnete. Auch wenn vier oder fünf Dörfer mit den gleichen Wasser-, Müll- oder Finanzproblemen so dicht zusammen liegen, dass sich ein Zusammenschluss nicht nur rentiert, sondern zwingend geboten scheint, - es kommt nicht oder höchst selten und erst nach jahrelangen Diskussionen zur Zusammenarbeit. Da so etwas wie “Raumordnungsverfahren” oder “Eingemeindungen” kaum bekannt sind und bei den individualistisch veranlagten Franzosen als zentraler Dirigismus angesehen und mehrheitlich abgelehnt werden, müssen sich Gemeinden bei ihren Bauvorhaben entweder finanziell übernehmen, oder das dringende und eigentlich notwendige Vorhaben bleibt - vorerst - auf der Strecke. Erschreckendes Beispiel: Eine der reichsten Gemeinden Europas - St. Tropez an der Côte d’Azur, Treffpunkt des internationalen Jet-Sets aus Film und Wirtschaft - hat noch ein Krankenhaus, dessen Schmutzwände auf engen Korridoren und dessen schlechte und mangelhafte materielle und personelle Ausstattung zum Himmel schreien. Erst nach jahrelangem Hin und Her hat man sich in der Region mit den Nachbargemeinden zusammen gerauft; irgendwann ab 2006 wird es für die ganze Golfregion ein modernes Gemeinschaftskrankenhaus geben. Unterdessen wurschteln Provinzfürsten und Stadträte bei anderen möglichen Gemeinschaftsobjekten weiterhin in Klein-Klein; Zusammenarbeit wäre Verrat an der individueller Freiheit, vor allem aber ein Angriff gegen die vielen eigenen Fleischtöpfe, die man auf herkömmliche Weise besser kontrollieren und ausschöpfen kann.

Und was sagen Franzosen über Deutsche?

Persönliche Beobachtungen und eine nicht-repräsentative Umfrage im Bekanntenkreis, auf Marktplätzen, am Strand und in Bistros

Nun, wir Deutsche in Frankreich, wir sind auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Obwohl Franzosen von uns mehrheitlich eine gute, mitunter sogar eine ehrfurchtsvolle Meinung haben. Glücklicherweise sind die Deutschen in Frankreich mehrheitlich zurückhaltender als Deutsche in anderen Ländern, z.B. in Spanien. Oft sprechen wir sogar Französisch und deuten im französischen Tante-Emma-Laden nicht mit dem Finger auf den Schnittkäse, machen mit der Hand eine zackige Schnitt- und Hackbewegung und sagen “Half Pfund, please!” Schließlich haben Franzosen Ess- und Sprach-Kultur, und da wollen wir Allemanen nicht nachstehen.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Wie von spanischen Stränden gewohnt, habe ich auch an französischen Mittelmeer- und Atlantik-Küsten Deutsche erlebt, die sich auf eine merkwürdige Weise ihren Platz am Strand sichern. Bereits morgens in aller Frühe marschiert Papa mit Handtüchern oder Bastmatten und einem Schild bewaffnet aus dem Wohnwagen Richtung Strand. Dort breitet er die Matten aus, beschwert sie wie eine Grenzbefestigung mit Steinen, legt oder steckt das Schild daneben und geht zufrieden zunächst zum Frühstück und zu Mamma in den Wohnwagen oder ins Hotel zurück; mit der Sicherheit, seinen Familien-Platz am Strand reserviert und gegen Eindringlinge geschützt zu haben. Auf das Schild hat Papa nämlich geschrieben: “Dieser Platz ist vom 14. Juli bis 28. Juli von Familie Fröhlichkeit aus Wannedingsbums reserviert!” In Deutsch natürlich! Logisch! Wo leben wir denn...?

Französinnen und Franzosen sehen uns das großzügig nach. Sie haben, nicht immer, aber oft eine erstaunlich positive Meinung von jenen Menschen, deren Vorfahren nicht als Touristen sondern als Besatzungssoldaten über französische Straßen und Strände gestampft waren. Hier einige dieser Meinungen:

“Die Deutschen sind diszipliniert und lieben Ordnung und Sauberkeit! Die lassen kein Papierschnipsel herum liegen. Davon könnten wir Franzosen uns eine Scheibe abschneiden!” Charlotte, 58jährige Bistro-Besitzerin

“Die Deutschen sind schrecklich. Immer todernst, immer diszipliniert! Die können nicht mal alle Fünfe gerade sein lassen und haben keine Ahnung vom ‘savoir vivre’!” Sandrine, 20jährige Kunst-Stundentin

“Die Deutschen? Immerhin geben sie mehr Trinkgeld als Engländer und Holländer!

Und sie benehmen sich im Restaurant ruhiger und hauen nicht so auf die Pauke, wie man sich eigentlich immer von den Deutschen erzählt. Die sind ganz anders. Lieber einen Deutschen bei mir im Bistro als drei Holländer!”

Pascal, seit 23 Jahren Kellner und Barmann

“Die heutigen Deutschen sind ganz anders als die früheren. Die Deutschen, die hier fest als Residenten leben, kommen aufs Bürgermeisteramt und fragen höflich und ruhig, oft sogar schon peinlich überhöflich, wo sie ihre Steuern bezahlen oder wo sie eine Genehmigung bekommen können. Einige von ihnen kommen auch herausfordernd, als hätten sie das Gesetzbuch unterm Arm, aber das sind wirklich heute die Ausnahmen, die meisten sind sogar höflicher und geduldiger als meine französischen Landsleute!” Marie-Claire, seit 15 Jahren als Sekretärin am Empfangsschalter eines französischen Bürgermeisteramtes

“Wenn wir Franzosen so hart und so diszipliert wie die Deutschen arbeiten würden, würde es mit unserer Ökonomie besser aussehen!”

Jean-Pierre (45), Management einer deutsch-französischen Firma

“Die Deutschen? Früher kamen sie mit ihrer Militärmaschine, heute kommen sie mit ihrer Geldmaschine. Das kommt doch auf’s gleiche heraus! Früher wie heute zerstören sie unser Land und die Natur, bauen überall und kaufen alles auf. Wegen mir können sie bleiben wo der Pfeffer wächst!”

Michel (74), Landwirt und Winzer

“Deutsche Jungens sind steif und können nicht tanzen. Und warum lernen sie nicht wenigstens ein paar Worte Französisch? Im Urlaub hängen die immer in der Disko herum und glotzen uns an, aber trauen sich nicht!”

Nicole (18) Kassiererin in einem Supermarkt

“Sie sollten Ihrem Außen- oder Kultusminister mal sagen, Deutschland soll nicht soviele Goethe-Institute in Frankreich und Europa schließen. Und bei diesen sogenannten deutsch-französischen Konsulationsgesprächen sollten die deutschen Politiker endlich mal auf ihre französichen Kollegen einwirken, nicht noch mehr den Deutsch-Unterricht an französischen Schulen zu kürzen. Das ist unverantwortlich, was da abläuft!

Michelle (44), Deutschlehrerin an einem französischen Gymnasium

“Wie wohl viele Franzosen habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen. Auf der einen Seite bewundern wir euere Tatkraft, Arbeitsdisziplin, Sauberkeit und euer sprichwörtliches Organisationstalent, was uns Franzosen ja mitunter fehlt. Auf der anderen Seite sind das aber genau jene Punkte, die uns Angst machen, dass ihr sie uns jetzt in Europa überstülpen wollt. Es ist euer Hang zur Masse und - von Ausnahmen abgesehen - euer fehlender Individualismus, der mich stört!”

Marc (32), Air-Steward