Deutsche in Frankreich, Wer, Wie, Wo?

Oder: „Keine Ballermänner an der Côte d’Azur?“

Welche Deutsche leben wo und warum in Frankreich. Eine unvollständigen Betrachtung von Michel Kuss

Es streiten sich die Statistiker: Sind es nun 40 000 oder über 60 000 Deutsche, die fest in Frankreich leben? Wahrscheinlich sind es viel mehr. Zumindest mehr Häuser in deutscher Hand. Von der Ferienhütte bis zur Luxusvilla. Frankreich kennt keine Meldepflicht, auch auf den Konsulaten melden sich Deutsche nur, wenn sie in der Bredouille sitzen oder eine Auskunft brauchen. Hinzu kommen eine hohe Fluktuation, Zu- und Abgänge durch beruflichen Wechsel oder durch Scheitern, und vor allem eine hohe Dunkelziffer.

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Wo leben diese ausgestiegenen Germanen nun wie die Götter in Frankreich? Und ist es immer ein göttliches, ein königliches Leben, welches Deutschland müde Neufranzosen hier gefunden haben? Mehrere hunderttausend Lebensbeispiele, Erfahrungsberichte und Schicksale würden allerhand Stoff hergeben.

In Paris leben sie zum Beispiel, in diesem enormen Schmelztiegel und seiner Banlieu. Als Banker oder wissenschaftliche Mitarbeiterin, als Lehrkraft an den deutschen Schulen, als Studierende an einer der Pariser Universitäten, als Vertreterin einer der zahlreichen deutschen Stellen in Paris: Handelskammer, Botschaft, Konsulat, Sozialdienste, Lufthansa und Reisebüro, Banken, Forschungsinstitute und Bibliotheken, deutschen Zweigniederlassungen, zwei deutsche Pfarrstellen, Hotelangestellte, Reiseleiterinnen, Tänzerinnen, Busfahrer, Huren und Animiermädchen, Taxifahrerin, Aupairs, Models und Topmodels, Schneidermeister und Karl Lagerfeld, Gaukler, Ex-Spione wie Berthold Baluschke, der – aufgerieben zwischen CIA, BND und Stasi – seiner Familie und sich am Pariser Boulevard St. Michel etwas Ruhe gegönnt hat. Balletttänzerinnen, Leute aus Show-Biz und Kino-Welt, und schließlich sogar als Tellerwäscher, als Clochard unter den Brücken, als Herumtreiber, Bettler, obwohl die drei letztgenannten Berufsgruppen sicher in der Minderheit sind, aber doch dazu gehören zum großen Sammelsurium der Deutschen in Frankreich. Nur dürfen die Deutschen in der Heimat nicht glauben, die Deutschen in Paris seien alle wie einst Uli Wickert.

Frankreich hat Millionen Flüchtlinge und Immigranten aus aller Welt aufgenommen; dem Zaren freundlich gestimmte Russen auf der Flucht vor den Bolschewiki. Adelige, die dann als Taxifahrer und Tellerwäscher in Frankreich arbeiten mussten. Polen der Gewerkschaft Solidarität auf der Flucht vor einem zusammenbrechenden Kommunismus. Irans Radikalrevoluzzer Ajatollah Khomeini wurde als Flüchtling in einem Pariser Vorort hochgepäppelt, bevor er der Welt das Fürchten lernte. Asiaten fanden nach dem Scheitern der französischen Indochinapolitik und nach dem US-Vietnamdebakel in Frankreich Unterschlupf, und sorgten für hunderte Asia-Restaurants, genau wie Jahre später zahlreiche Honkong-Chinesen auf der Flucht vor dem Peking-Stalinismus mit ihren Dollarvermögen in Frankreich neu begannen. Schwarzafrikaner und Araber wollten den ökonomischen und politischen Verhältnissen ihrer Länder entfliehen und lieber in Frankreich illegal und mit Hunger leben, als zu Hause in Afrika in ausgetrockneten Wüsten oder unter mörderischen und kriminellen Rebellen, die sich in den Nachkolonialzeiten als Retter und Menschenfreunde deklarierten, aber ihre Völker – teils mit Hilfe von KGB und CIA - noch mehr in Not, Hunger und politisches Elend brachten. Das Millionenheer der in Frankreich lebenden „Ausländer“ ist so groß, dass die kleine deutsche Minderheit - egal ob es nun 50 000 Legale oder noch einmal die gleiche Anzahl Illegale sind - weder zahlenmäßig noch sonst spektakulär auffällt, von Ausnahmen abgesehen, die man dann in der Regenbogenpresse oder in Film- und Modezeitschriften findet. Wie z.B. jenen deutschen Milliardär und Kohl-Freund in Cannes, der sich aus Angst vor Anschlägen mit modernsten Sicherheitsvorkehrungen in seiner Millionenvilla regelrecht einbunkerte, und dann - Alkoholiker aus Einsamkeit und Frust - sturzbetrunken die Treppe herunter fiel und starb; banaler hätte sich auch ein gewöhnlicher, bettelarmer Wermutbruder nicht von dieser Welt verabschieden können.

Sehr viel früher und vor allem vor dem hoffentlich letzten großen Krieg waren es zum Beispiel auch Marlene Dietrich, Heinrich Mann, Heinrich Heine oder Erich Maria Remarque, die in Paris lebten, einige von ihnen auf der Flucht vor den Nazis, einige auf Studienreise wie anno dazumal Salzburgs Musikus Mozart als Jüngling. Oder die Mainzer Schriftstellerin Anna Seghers, die im Pariser Exil 1935 „Das siebte Kreuz“ schrieb, bevor sie weiter nach Amerika flüchten musste. Später gab es Jahre, da hallten deutsche Soldatenstiefel durch Pariser Gassen, feldgraue Uniformen der Wehrmacht und das Schwarz der SS dominierten die Pariser Bistros und Opernsäle oder deportierten – zusammen mit französischen Polizisten und anderen Kollaborateuren – deutsche NS-Widerständler und Juden noch in den letzten Kriegsmomenten in die Lager. Vorbei! Schnee von gestern! Schnee von gestern?

Aber wir Deutsche ließen uns die Lust am „savoir vivre“ nicht nehmen. Es kamen andere Deutsche: Sprachschüler, Aupairs, Jugendaustausch, - sogar Daniel Cohn-Bendit war dabei, der Deutsch-Franzose jüdischer Abstammung, der es – anlässlich der dritten Französischen Revolution - 1968 beinahe schaffte, den großen General De Gaulle zu stürzen, zumindest in staatsmännische Grübeleien mit Rücktrittsabsichten. Cohn Bendit wurde von De Gaulle aus dem Land gejagt und kehrte 30 Jahre später als Parlamentsabgeordneter nach Frankreich zurück; er hatte viele überlebt, die unterdessen – nicht nur politisch – begraben waren. Deutsche Schulgruppen kamen, Touristenscharen zu Tausenden, Geschäftsleute, Abenteurer, Liebeshungrige für das schnelle erotische Abenteuer, und Liebende mit ernsten Absichten: Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden knapp 30 000 deutsch-französische Ehen getraut; in der Mehrzahl deutsche Frauen, die ihren Liebsten oft bei einem Aupairaufenthalt in Frankreich, oder beim französischen Militär in Deutschland kennen gelernt hatten. Nur etwa 10 000 deutsche Männer holten sich eine Französin an den heimischen Herd; in der gleichen Größenordnung wurden Germanen in Asien findig, was für Kenner beider Mentalitäten natürlich einen emanzipatorischen Unterschied ausmacht.

Wie sich die Zeiten ändern: Da fallen mir alte Schwarzweißfotos ein; sie zeigen glatzköpfige Französinnen mit angstverzerrten Gesichtern, denen Landsleute die Köpfe kahlgeschoren hatten, weil sie sich mit deutschen Besatzungssoldaten „eingelassen“ hatten; zur Schande Frankreichs. Wobei die Schande menschlicher Liebesnächte anscheinend größer war, als die Schande französischer Nazi-Kollaborateure. Die hatten nicht nur französische Kunstschätze an Himmler verscherbelt oder gar Juden und Antifaschisten aus Kellerschlupflöchern herausgeholt, um sie an die SS und damit ins KZ auszuliefern. Schnee von gestern! In der Moderne der deutsch-französischen Beziehungen machte es die Männerfreundschaft zwischen den beiden Schlitzohren Kohl und Mitterand – und wohl auch die ELF-Schmiergelder von Leuna - möglich, am französischen geheiligten Nationalfeiertag deutsche Bundeswehrpanzer über die Champs d’Elysee rollen zu lassen, ohne dass der gallische Hahn besonders laut aufschrie. Die französische Bourgeoisie klatschte verkrampft, aber mit diskretem Charme Beifall. Schließlich sind die Deutschen verlässliche Wirtschaftspartner.

Deutschsprachige Hoffnungen wurden in Paris groß, weltberühmt, aber auch begraben. Romy Schneider war eine davon. Oder als lebendes Beispiel Claudia Schiffer, um nur die derzeit wahrscheinlich berühmteste aus dem Show-Biz zu nennen, ohne jetzt Ute Lempert auf die Füße treten oder Marlene Dietrichs Andenken verletzen zu wollen. Denn die deutsche Super-Claudia ist nicht alleine; hunderte deutsche Mädchen mit Traummaßen und Träumen pilgern nach Paris; und wenn es nicht zum Topmodel reicht, so doch mit Hoffnung auf ein paar Treppenstufen zum möglichen Erfolg. Ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft Paris: „Es vergeht kein Tag, wo nicht am Pariser Ost- oder Nordbahnhof aus den ankommenden Zügen deutsche Mädchen aussteigen, teils mit Flausen und Träumen im Kopf, teils mit konkreten Berufsabsichten!“ Wie Susan Anbeh, deren Name man sich langsam merken sollte. Die attraktive Bonnerin kam als 18jährige nach Paris, ohne ein Wort Französisch zu sprechen, zog mit einem Wanderzirkus durch Frankreich, nahm Schauspielunterricht und spielte mit 23 eine Hauptrolle neben Meg Ryan in French Kiss. Susan machte sich rar im TV, stand lieber in Avignon und Paris auf der Bühne, hatte einen Gastauftritt im ZDF-Krimi Denninger und liest Drehbücher aus Deutschland und Frankreich. (Quelle: TV-Spielfilm). Wer sein Ziel kennt, macht in Paris seinen Weg; andere gehen unter oder tingeln im Mittelmaß vor sich hin. Aber zwischen den Extremen einer großer Filmkarriere und einem Schlafsackpenner unter einer Seinebrücke liegen tausend andere Möglichkeiten, die von Tausenden wahrgenommen werden.

Deutsche in Frankreich? Im Elsass leben sie auch. Schon wegen den - bis vor kurzem noch - billigeren Häusern und dem Sauerkraut. Oder wegen Strassburg und seinen beruflichen Möglichkeiten, z.B. im Europaparlament, oder wegen der Nähe zur alten Heimat, nur kurz über eine Rheinbrücke und schon in einer anderen, nämlich der französischen Welt, und doch mitten in der gewohnten Heimat, denn die ins Elsass übersiedelten Deutschen sind unzählbar und für etliche alte Elsässer zur Landplage geworden. 30 000 Pendler und Grenzgänger aus Baden und der Pfalz fallen täglich ins früher wilhelminische Elsass ein und abends zurück. (Hier möchte ich Ihnen das Buch “Elsass für Neubürger“ ans Herz legen; eine amüsante, gut recherchierte und lehrreiche Lektüre für alle, die es mit dem Elsass als neue Heimat versuchen möchten. Von Dietlev Bartels und Thomas Ehl, erschienen im info-Verlag Karlsruhe).

Im Süden leben sie! Am Meer! Von Sonnenschein überflutet (wenn’s regnet, dann nur ein paar Stunden oder Tage, dafür aber wie die Sintflut und etliche Dörfer tagelang überschwemmt), vom Wein beseelt, von der Natur verwöhnt! Nicht immer, aber öfters, zumindest in den Träumen und Vorstellungen. Das französische Mittelmeer, besonders die Côte d’Azur zwischen St. Tropez, Cannes, Nizza, Monaco und Menton, ist zwar nicht so fest in deutscher Hand wie das der Ballermänner auf Mallorca oder Benidorm, dafür gibt es grundlegende Unterschiede in deren Finanz-, Bildungs- und Sozialstruktur. Um die Gesamtsumme deutschen Kapitals in Südfrankreich - einschließlich Monaco - zu erreichen, genügen alle deutsch-spanischen Ballermänner und Rentner dieser Welt nicht. Und das „billige“ Halligalli am Arenal-Strand auf Mallorca ist an der Côte d‘Azur ein undenkbarer Alptraum. Wenn hier Halligalli, dann diskreter und etliche Finanz- und Adelsstufen höher; wie im Strandbistro „Voile Rouge“ von St. Tropez/Ramatuelle, wo sich gelangweilte internationale Playboys und ein Schwarm von Mitläufer den Champagner - die Flasche zu rund 300 Euro - bereits mittags über Busen und Muskel laufen lassen. Aber auch die andere Seite ist vertreten: Auf dem Parkplatz im Hafen von St. Tropez haben sich deutsche Betteljungs die Automaten der Zahlstellen aufgeteilt, um in miserablem Französisch und abgerissener Kleidung den Touristen penetrant das Wechselgeld zu entlocken. Auch ein paar deutsche Strandschläfer stehen mit aufgehaltenen Händen vor französischen Aldi-Läden oder haben am Bahnhof von Cannes ein Schild vor sich liegen: „Habe Hunger! Bin auf der Rückreise nach Deutschland! Lieber betteln als stehlen!“ Die deutschen Generalkonsulate in Frankreich könnten ganze Szenarios für banale und gleichsam erschreckende RTL Talkshows zu diesem Thema schreiben. Aber das sind die Ausnahmen im großen Heer deutscher Frankreichliebhaber. Der Alltag sieht meist anders aus: Ballermänner sind auf der französischen Seite des Mittelmeeres tabu. Nur in winzigen Ansätzen tauchen sie auf, in den Sommerferien, auf einigen Massencampingplätzen; aber selbst dort [K1] gibt es bei den abendlichen – mitunter busenfreien - Animationsprogrammen höchstens ein artiges Händeklatschen, aber keine Ballermann Urwaldschreie von Ausgeflippten, und um elf geht’s brav ins Zelt zu Mutti und dann ins Bett, um am nächsten Morgen rechtzeitig im Zeitungsladen zu sein, Bild abholen.

Die Zeiten, wo die Clique um Gunter Sachs und Brigitte Bardot nachts lautstark die Strände von St. Tropez-Ramatuelle bevölkert und sich wegen Lärmbelästigung mit Nachbarn und Polizei angelegt hatten, sind in der Regel Vergangenheit. Heute sind es mehr die Söhne reicher afrikanischer Minister oder arabischer Ölscheichs, die sich mit den Insignien westlicher Kultur (Frauen, Lamborghini, Geld, Schmuck und Champagner) schmücken und bei Tag- und Nachtpartys damit protzen. Darüber freuen sich weder Franzosen, noch die meisten anderen Deutschen im Süden Frankreichs. Das sind z.B. reiche und stinkreiche Neureiche, die ihr Geld nicht bei Günther Jauch, sondern an der Börse oder mit Immobilien gemacht haben und es dezent in Monaco anlegen oder verwalten. Wobei ihnen eine deutschsprachige Monatszeitschrift mit Ausflugstipps, Restaurant- und Landschaftsführern sowie Ratgebern hilft. So wird u.a. in deren Anzeigenteil angeboten: „Wie investiere ich mein Geld am Fiskus vorbei im Ausland“. Sicher eine hilfreiche Verbraucherinformation für viele Südfrankreichinteressenten. Die „Riviera - Côte d’Azur Zeitung“ (RCZ) entspricht nach Meinung von Profijournalisten zwar nicht immer den Grundsätzen des kritischen und investigativen Journalismus; oft vermittelt sie den Eindruck einer schönen vierfarbigen Werbebroschüre mit Hochglanzfotos und Schönwetterberichten für ein fleckenloses Frankreichimage. Immerhin gibt sie in ihrem ausgeprägten Anzeigenteil den Großbanken Monacos die Möglichkeit zur kolossalen Selbstdarstellung und ihrer beachtlichen Leserschar (über 20 000) neben regionalen Tipps u.a. auch die Möglichkeit einer Kleinanzeige zu den Themen „Arbeit, Kontakte, Geschäftliches, Privates, Immobilien, Boote“. Edition Mediterraneum.

Aber es wäre unfair, nur die Schönen und Reichen zu erwähnen. Der frühere Jet-set von St. Tropez ist ohnehin Nostalgie. Brigitte Bardot ist eine ältliche Tierschützerin geworden, Roger Vadim tot, die große Catharine Deneuve und Jane Fonda waren zum letzten mal zu seiner Beerdigung in St. Tropez, Mittelmeerliebhaber Herbert von Karajan tot, Gunther Sachs ist andernorts glücklich geworden, die Ex-Schauspielerin und Ex-Ehefrau von Paul Hubschmied, Eva Renzi, ist (Anmerkung: bei Redaktionsschluss dieses Berichtes) arbeitslos und will ihr Haus am Hang von Gassin sogar unter Wert verkaufen, unterdessen vermietet sie im Sommer an gut zahlende Gäste und schläft mitunter bei Freunden auf der Matratze, bevor sie jetzt ihr Buch, in dem sie sich mit ihrem Verhältnis zu Tochter Anouschka auseinandersetzt, in Berlin veröffentlichen konnte. Barclay hat sich aus dem Trubel verabschiedet. Nur der Grufti Luis de Funes (der „Gendarm von St. Tropez“; Gott hab’ ihn selig!) trällert mitunter nostalgisch seine Blödeleien bei schwindenden Einschaltquoten auf für deutsche Fans noch über die Mattscheiben, und Rockkönig Johnny Hallyday benutzt den – nicht ganz Lärm freien - Einflug mit eigenem Helikopter in seine Villa noch als Werbegag fürs Image. Genau wie einige reiche Nachbarn, die glauben, mit ihrer Villa hätten sie auch die Lufthoheit und das Recht auf überhöhte Dezibel über dem Golf von St. Tropez gekauft; zum Verdruss vieler Menschen, die langsam auf die Barrikaden gehen.

Was geblieben ist, sind Neureiche wie das Frankfurter Grundbesitz- und Immobilienehepaar Groß, die sich aus den ersparten Millionen ihrer Bauspekulationen (Firmenslogan: „Groß schafft Raum“) eine vergleichsweise bescheide Ferienvilla im Hügelland von Ramatuelle leisten. Oder das Rentnerehepaar Handtmann aus Hamburg, die nach einem erfolgreichen Berufsleben (er Bankdirektor, sie Architektin) aus Altersgründen aufgaben und ein Weingut „Château de Launes“ in der Provence erwarben. Mit Eigenproduktion, 700 Hektoliter Côtes de Provence Export nach Deutschland und auf den Flaschen das hanseatische Familienwappen (Quelle: SPIEGEL, Nr. 9/2001, „Neue Heimat Süden“). Altmime Mario Adorf, mit einer Tropezianerin verheiratet, lässt sich im Jet-set kaum blicken; er liebt mehr die winkligen Gassen und kleinen Häuschen der Altstadt. Gekommen sind vor allem jetzt Heerscharen – auch deutscher – Touristen, die sich von Ostern bis September wie Sardinen in der Büchse durchs verstopfte und überteuerte St. Tropez schieben (Jawohl: schieben! Nicht flanieren!), bevor die Stadt im Oktober die Bürgersteige hochklappt und sich bis Ostern in den Winterschlaf begibt, ganz anders als Cannes und Nizza (ja, sogar Marseille), wo sich viel mehr Deutsche fest hingezogen haben, weil dort Leben und Kultur – ebenso die Arbeits- und Geschäftsmöglichkeiten - auch in den, meist sonnigen, Wintermonaten pulsieren.

Aber man muss nicht Boris Becker heißen oder zur altbackenen Mittelschicht von Hans Jürgen Bäumler zählen. Es müssen auch nicht gleich ein Domizil in Monaco, eine Villa in Hanglage von Nizza oder die „Schumiprivatjets“ sein. An der Côte leben Durchschnittsdeutsche wie Sie und ich: Da ist die deutsche „Aussteiger-Bäuerin“ Karin, die im zerklüfteten Hinterland von Sainte Maxime bescheiden Ziegen züchtet und Käse herstellt. Und da ist die 50jährige Helga, die als junge Frau noch als Reiseleiterin arbeitete, einen Franzosen heiratete und nach der Scheidung sich mit allerhand Gelegenheitsjobs über Wasser halten muss, aber trotzdem nicht zurück nach Deutschland will. Lieber schlängelt sie sich irgendwie durch, wie viele andere auch: Unter der Hand wird der Verkauf eines Häuschens gegen Provision vermittelt, in der Sommersaison ein paar Monate Arbeit in einer Hotelrezeption, danach wenigstens für eine Überbrückung Arbeitslosengeld, wenn's wirklich nötig wird auch mal kurz – da EU-Bürgerin - von der französischen Sozialhilfe leben oder zwischendurch in der Villa einer besser betuchten deutschen Familie eine Stelle als Putzfrau oder Babysitterin annehmen, obwohl frau bei diesen Gelegenheitsjobs auf eine Putzkolonnenmafia aus einheimischen Französinnen und vor allem Araberinnen, Spanierinnen und Portugiesinnen trifft, die sich den billigen Arbeitsmarkt aufteilen und gegenseitig zustecken. Einige Deutsche kommen auch mit Drahtseilakten oder mit ausgefallenen Ideen in Frankreich über die Runden. Schauspieler Vadim Glowna jobbte auf seiner Tingelreise durch Frankreich sogar in der Nobelherberge „Hotel Negresco“ an der Promenade des Anglais in Nizza, wo er als Eintänzer beim Tanztee den Ball eröffnete und alleinstehende Frauen – reich aber diskret-schüchtern - übers geheiligte Negrescoparkett führte.

Nein, nicht nur arme und extrem reiche Deutsche sind in Frankreich vertreten. Das ganze Spektrum ergibt ein differenziertes Bild: Hoch bezahlte Wissenschaftler, Techniker und Ingenieurinnen mit ihren Familien im Zusammenhang mit den deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtprojekten im Raum Toulouse. (Wobei diese Wirtschaftsregion Toulouse und besonders die Aero-Space schwer gebeutelt wurde: Nach der Depression der USA-Anschläge geht auch in der Luftfahrt das Gespenst von Arbeitslosigkeit und Auftragsrückgängen um; hinzu kam ein verheerendes Unglück in einer Chemie- und Sprengstofffabrik im Süden von Toulouse. Angst und Unsicherheit machten sich Anfang 2002 breit. Trotzdem ist der Drang nach Frankreich, besonders in den Süden ungebrochen: Künstlerinnen und Aussteiger im Roussillon, Töpfer in der Provence, Malerinnen in der Ardeche oder Fotografen und Werbedesignerinnen auf einem alten Bauernhof in der Bretagne. Freiberufler, Übersetzerinnen, Journalisten, die sich heute mit Internet-Hilfe in jeder Ecke Frankreichs niederlassen und kreativ arbeiten können. Handwerker und Heilpraktiker haben ebenso wie Ärzte und Zahnärzte die Übersiedlung gewagt. Hat man genügend Geld oder eine berufliche Absicherung im Hintergrund, kann man in jeden wirtschaftlich schwachen Winkel Frankreichs aussteigen. Die Schwerpunkte der Deutschen in Frankreich liegen allerdings in strukturstarken Gebieten: Paris, Elsaß, Lyon, auch Lothringen zwischen Saarbrücken und Metz, das Mittelmeer (besonders die Cote d’Azur zwischen St. Tropez und Nizza/Monaco, begrenzter die Gebiete von Marseille Richtung spanischer Grenze), sowie das Garonne-Gebiet um Toulouse und Argen.

Wer sich aus beruflichen-, geschäftlichen oder aus Altersgründen für einen längeren oder dauerhaften Aufenthalt in Frankreich interessiert, findet viele Informations- und Ansprechpartner. Dabei sollten Sie aber nicht auf Dummschwätzer und Besserwisser herein fallen, die nur den schnellen Euro machen wollen. Wie ein deutscher Ex-Fremdenlegionär, der sich an der Côte d’Azur als „Bauunternehmer“ niederließ, ohne irgendeine Ahnung vom Baugeschäft zu haben. Aber er hatte Ahnung, wie er naive und gutgläubige Landsleute übers Ohr hauen kann. Ohne Skrupel ließ er aus Deutschland arbeitslose Bau- und Hilfsarbeiter kommen, versprach ihnen ein Königreich am Mittelmeer, presste sie hier in Wohncontainer, ließ sie schuften, und am Zahltag sahen die Leute statt Geld die fristlose Kündigung und standen auf der Straße, ohne eine Münze in der Tasche, ohne Dach über dem Kopf und ohne ein Wort Französisch zu sprechen. Aber diese Halunken sind nicht greifbar. Sie sind nirgends gemeldet, wechseln den Ort, wechseln den Firmennamen, und finden immer wieder Dumme. Denn die Freiheit und der grenzenlose Verkehr zwischen unseren Ländern hat auch seine Schattenseiten. Das Sprichwort „Gott schütze mich vor Sturm und Wind, und vor Deutschen die im Ausland sind“ ist zwar nicht immer berechtigt, entbehrt aber in Einzelfällen nicht einer gewissen Wahrheit.

Diese Schattenseiten wollte auch ein deutscher Neureicher ausnutzen. Er suchte in Deutschland einen „Hausmeister“, der nicht nur seine Villa in Südfrankreich beaufsichtigen und die Bauarbeiten dort leiten und organisieren, sondern dem nicht Französisch sprechenden deutschen Neureichen auch bei den schwierigen Wegen auf Frankreichs bürokratischer Administration helfen sollte. Einmal in Frankreich angekommen, kam für den gutgläubigen Hausmeister dann alles ganz anders. Der neureiche Auftraggeber stand nun mit der Stoppuhr hinter ihm, um die Zeiten zu stoppen, die der Hausmeister – bei 39 Grad Grippefieber und Schweißausbrüchen – benötigte, um Unkraut zu rupfen und den Swimmingpool zu reinigen. Als der Deutsche Helfer mit einem Herzanfall ins Krankenhaus kam, stellte sich heraus: er war illegal in Frankreich; der Baulöwe hatte ihn nicht angemeldet und nicht richtig sozial abgesichert. Die fristlose Kündigung erfolgte noch während der Krankheit. Meist enden solche Geschichten tragisch für die Gelackmeierten. Denen bleibt in der Regel nur Koffer packen und mittellos zurück nach Deutschland, oder irgendwie versuchen, in Frankreich über die Runden zu kommen. In diesem Fall war es anders: Der Hausmeister erinnerte sich daran, dass Frankreich keine Bananenrepublik mit Willkür und Chaos, sondern ein demokratisches Mitglied der europäischen Union, und außerdem das Land von Rabelais, Victor Hugo und Voltaire, also juristisch noch immer ein Rechts- und menschlich ein Kulturstaat ist. Er zog vors französische Arbeitsgericht. Der Neureiche zog die Notbremse, ordnete alle Anmeldungen und sozialen Absicherungen rückwirkend, und gab dem Hausmeister sogar noch eine ansehnliche Abfindungssumme für einen reibungslosen beruflichen Neubeginn. Eine Verurteilung vor einem französischen Gericht und ein Skandal in Deutschland wären dem Villenbesitzer teuerer gekommen.

Aber Achtung: Auch deutsche Villenbesitzer sind nicht vor Betrug und Ungemach in Frankreich geschützt. Einer hatte ein Haus gekauft und nahezu vollständig bezahlt, als sich heraus stellte, der brave Deutsche war einem betrügerischen Deutschen auf den Leim gegangen: Das Haus war bereits acht mal verkauft; der Betrüger setzte sich – derzeit noch unbekannt – ab. Die Moral solcher Geschichten: Besser informieren! Besser vorbereiten! Lieber alles dreimal kontrollieren, als einmal herein fallen! Besser zehnmal dumm fragen, als mit einer falschen Antwort den Reinfall oder sogar den Ruin zu riskieren. Zugegeben, in Frankreich scheint oft die Sonne. Aber, Sie wissen ja, wo viel Sonne ist, da gibt’s auch Schatten.

Nach Einschätzung deutscher Stellen aus Politik und Wirtschaft hat der Boom deutschlandmüder Frankreichfans erst begonnen. Der Euro (und damit die vereinfachten Preisvergleiche), kompatible EU-Gesetze, die ökonomische und soziale Anpassung zwischen Deutschland, Frankreich und dem übrigen Europa, berufliche Möglichkeiten und größere Flexibilität, bis hin zur Sonne und zur französischen Lebensart sind Gründe, kurz- oder langfristig in Frankreich zu leben. Egal ob als Urlauber für drei Wochen, als Aupair für ein Jahr, als Studentin für etliche Semester, oder als Rentner oder Geschäftsperson für immer.