Alles anzeigen: Juni 2006

Französische Presse WM in Deutschland 12.06.2006

Fußball-WM, das Ende und Ergebnis von Roland-Garros (Nadal), die heute beginnenden Abiturprüfungen in ganz Frankreich und die Selbstmorde in Guantanamo beschäftigen die Titelseiten der Zeitungen. Auf den Innenseiten Innenpolitik: Eröffnung des Kongresses der Gewerkschaft CFDT, neue Entwicklungen im bereits Jahre alten Justizskandal um einen vermuteten Kinderschänder-Ring im Norden Frankreichs (Stichwort Outreau). LES ECHOS macht mit einer wahrscheinlichen Einigung zwischen Chirac und Prodi bei ihrem morgigen Zusammentreffen zum Thema intendierte Übernahme von Suez durch Enel auf.

Andere außenpolitische Themen: Nahost, Iran-Verhandlungen (optimistisch überschriebener Situationsbericht im FIGARO), Auseinandersetzungen in Spanien über den Umgang mit der ETA. LIBÉRATION berichtet über den erfolgreich - ohne Gewalt - verlaufenen Marsch der Homosexuellen in Warschau (Organisator Robert Biédron wird mit den Worten zitiert, dass die Zurückhaltung auf die massive ausländische Präsenz, vor allem auch von Deutschen, zurückzuführen gewesen sei.)

II. Wichtiges im Einzelnen

Guantanamo

FIGARO widmet seinen Leitartikel der Thematik, ohne allerdings neue Gedanken anzubieten. "...George Bush muss aus der selbst gestellten Falle entkommen. Er kann sich nicht zum Fackelträger der Demokratie in der Welt, besonders im Nahen Osten, erklären, und zugleich ein außergesetzliches System tolerieren. Der Kampf gegen den Terrorismus muss ohne Gnade geführt werden. Aber der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Erst recht nicht, wenn sie die Entschlossenheit und den mörderischen Hass der Gegner der Freiheit noch fördern." LIBÉRATION ähnlich.

Nahost

LA CROIX wirft einen Blick auf die bevorstehende Rundreise Ehud Olmerts in Europa. In einem begleitenden Korrespondentenbericht aus Israel heißt, es, die Tötung der Familie Ghalya auf dem Strand von Gaza habe in Israel Erschütterung ausgelöst, der israelische Schriftsteller Grossman spreche in Maariv von der "Schande, in die wir seit Jahren versunken sind". Sonst allgemeiner Tenor der Kommentare: das wird Hamas nützen bei ihrer Kampagne gegen das Referendum des Präsidenten.

EU

In LA CROIX eine Reflexion von Patrick Martin-Genier über die Lage der EU vor dem Europäischen Rat am Ende der Woche. Wenig Neues (EU jetzt offenbar entschlossen, Chiracs laufend vorgebrachten Vorschlägen keine Beachtung mehr zu schenken, sondern auf seinen Nachfolger/Nachfolgerin zu warten. Auch Blair sei unpopulär und handlungsunfähig.) "Was Angela Merkel angeht, fällt es ihr trotz ihrer politischen Jugendlichkeit schwer, eine klare Perspektive dessen zu formulieren, was sie für Europa wünscht - schwankend zwischen einem nicht realistischen Festhalten an der Ex-Verfassung ... und ihrer Fortentwicklung zu einem neuen Institutionenvertrag, der ihre wesentlichen Bestimmungen aufnähme, aber auf andere Weise in Kraft gesetzt würde."
An gleicher Stelle eine zornige Polemik des UMP-Abgeordneten und Vorsitzenden der Europa-Gruppe des Parlamentes, Lequiller, gegen einen Beitrag, den Laurent Fabius in LA CROIX vom 29.05., dem Jahrestag des gescheiterten Referendums, veröffentlicht hatte, und in dem er u.a. ein sozialeres Europa seit dem französischen "Nein" konstatiert (Lequiller: Im Gegenteil jubeln die "Freihandelszonen-Anhänger und die Neoliberalen, z.B. in Großbritannien), deutsch-französische Streitkräfte gefordert (Lequiller: Gibt es längst, Herr Fabius) und "verstärke Zusammenarbeit" auf ausgewählten Feldern vorgeschlagen hatte (Lequiller: Das genau sah die Verfassung vor!).

Deutschland/WM

Kurzer Korrespondentenbericht über die Ausschilderung des Standortes des Bunkers unter der Reichskanzlei in Berlin. Die Behörden hätten den Schritt lange nicht tun wollen, weil sie eine Mystifizierung des Ortes und unerwünschte "Zeremonien" oder Aufmärsche dort befürchtet hätten. Seit das Schild hänge, sei derartiges aber nicht vorgekommen.

LA CROIX mit einem Sonderteil über die Exportweltmeister-Stellung Deutschlands.

Im Zusammenhang mit der WM-Berichterstattung ein Bericht mit Impressionen aus Berlin vom WM-Korrespondenten der LIBÉRATION, Michel Henry, über immer noch gestellte Fragen, ob man in Deutschland Patriot sein kann (seine Antwort: ja, auch wenn sich immer noch manche den Kopf darüber zerbrächen).

In LES ECHOS ein respektvoller Bericht über die Stadien, in denen die WM stattfindet: "Tausende von Fans in Deutschland und Milliarden von Fernsehzuschauern können es feststellen: Deutschland hat einen gewaltigen Aufwand getrieben, um die zwölf Stadien zu modernisieren." Tenor: Die Finanzierung sei überwiegend privat.

Einen ungeahnten Zusammenhang stellt das Blatt zwischen der WM und dem im April wieder bedrohlich gewachsenen französischen Außenhandelsdefizit fest: 2,3 Mrd Euro Handelsbilanzdefizit allein im April gegenüber 1,8 im März seien u.a. auf vorübergehende Effekte wie die Abrechnung von Boeing-Flugzeugen (2,6 Mrd Euro) und die sprunghaft wachsende Nachfrage nach Fernsehgeräten neuer Technik wegen der WM zurückzuführen.

(Quelle: Pressereferat der deutschen Botschaft Paris)


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