Fred Vargas, Die dritte Jungfrau

Fred Vargas: Die dritte JungfrauIhre Krimis sind so mörderisch gut wie ihre Laufbahn steil ist. Die französische Autorin Fred Vargas, Archäologin im Hauptberuf und heute die bedeutendste französische Krimiautorin, erhielt bereits den Deutschen Krimipreis. Jetzt erscheint Die dritte Jungfrau: »Der neue Roman ist nicht nur exzellent, er ist genial ...«, so überbietet sich die französische Presse in hymnischen Rezensionen.

Ein Schatten geht um in diesem Roman. Aber tötet er auch? Kommissar Adamsberg ist sich nicht sicher, ob er es in seinem neuen Fall mit einem dies- oder jenseitigen Mörder zu tun hat. Fest steht, daß er Frauen tötet, weil sie Jungfrauen sind. Und daß er sein nächstes Opfer bereits im Visier hat.

weiter lesen ...

 Leseprobe Fred Vargas, Die dritte Jungfrau

Kurz nachdem Adamsberg sich von Ariane verabschiedet hatte, ging ein Hagelschauer auf den Boulevard Saint-Marcel nieder, zerhackte seine Umrisse und verwandelte die Pariser Avenue in eine x-beliebige von der Sintflut überschwemmte Landstraße. Er schritt zufrieden aus, glücklich wie immer unter dem Tosen des Wassers und auch darüber, daß er nach dreiundzwanzig Jahren die Akte des Mörders von Le Havre schließen konnte. Er sah, wie die Statue von Jeanne d’Arc den Schauer standhaft über sich ergehen ließ. Jeanne tat ihm leid, er hätte es gehaßt, Stimmen zu hören, die ihm befahlen, dies zu tun und dahin zu gehen. Er, der schon Mühe hatte, seinen eigenen Anweisungen zu folgen, ja sie überhaupt zu erkennen, hätte sich den Befehlen himmlischer Stimmen entschieden widersetzt. Stimmen, die ihn nach einem lichtvollen heroischen Abenteuer von kurzer Dauer in eine Löwengrube geworfen hätten, denn solche Geschichten enden immer böse. Dagegen hatte Adamsberg nichts gegen das Aufsammeln von Kieselsteinen, die der Himmel ihm aus Gefälligkeit auf den Weg legte. Es fehlte ihm einer für die Brigade, und er suchte danach.
Als er nach den fünf Wochen Zwangsurlaub, die der Divisionnaire angeordnet hatte, von seinen Pyrenäengipfeln heruntergestiegen und wieder in die Pariser Brigade zurückgekehrt war, hatte er ungefähr dreißig graue, vom Fluß glattgeschliffene Steine mitgebracht, die er auf die Tische seiner Mitarbeiter gelegt hatte, als Briefbeschwerer oder nach Belieben auch zu anderer Verwendung. Schlichte Gabe, die keiner abzulehnen wagte, nicht einmal diejenigen, die keine Lust hatten, einen Stein auf ihrem Tisch liegen zu haben. Eine Gabe, die allerdings nicht erklärte, warum der Kommissar zugleich einen goldenen Ehering mitgebracht hatte, der an seinem Finger glänzte und von Tür zu Tür die Funken der Neugier sprühen ließ. Wenn Adamsberg geheiratet hatte, weshalb hatte er dann seiner Mannschaft nichts davon gesagt? Und vor allem: wen geheiratet und warum? Entschlossenen Schritts die Mutter seines Sohnes? Unnatürlicherweise seinen Bruder? In mythischem Sinne einen Schwan? In Anbetracht der Tatsache, daß es sich um Adamsberg handelte, wurden sämtliche Möglichkeiten in Betracht gezogen und raunend von Schreibtisch zu Schreibtisch, von Stein zu Briefbeschwerer weitergesagt.
Was die Klärung dieses Punkts anging, verließ man sich ganz auf Commandant Danglard, einerseits, weil er am längsten Adamsbergs Kollege war und zu ihm in einer Beziehung stand, die frei von Scham und Vorsicht war, andererseits weil Danglard sogenannte »Fragen ohne Antwort« nicht ertrug. Fragen ohne Antwort, die sich einfallen ließen, wie Löwenzahn aus dem Humus des Lebens zu sprießen, sich in eine Myriade von Ungewißheiten verwandelten, eine Myriade, die seine Angst nährte, Angst, die sein Leben zerrüttete. Danglard arbeitete unablässig an der Vernichtung solcher Fragen ohne Antwort, genau wie ein Besessener seine Jacke nach Staubkörnchen absucht und sie entfernt. Eine Titanenarbeit, die meistens in eine Sackgasse führte und die Sackgasse in die Ohnmacht. Ohnmacht, die ihn in den Keller der Brigade trieb, in dem wiederum seine Flasche Weißwein stand, welche ihrerseits als einzige imstande war, eine allzu hartnäckige Frage ohne Antwort aufzulösen. Daß Danglard seine Flasche so weit weg versteckt hatte, geschah nicht aus Furcht, Adamsberg könnte sie entdecken, der Kommissar wußte sehr wohl von dieser geheimen Tatsache, fast hätte man meinen können, er höre Stimmen. Doch die Wendeltreppe des Kellers hinunter- und wieder hinaufzusteigen war ihm ganz einfach beschwerlich genug, um den Genuß seines Lösungsmittels auf später zu verschieben. So knabberte er denn geduldig an seinen Zweifeln herum wie auch auf den Enden seiner Bleistifte, an denen er einen Verschleiß wie ein Nagetier hatte.
Adamsberg entwickelte eine dem Knabbern entgegengesetzte Theorie, indem er davon ausging, daß die Summe der Ungewißheiten, die ein einzelner Mensch auf einmal zu ertragen imstande sei, nicht unendlich groß werden könne und die Obergrenze bei drei bis vier gleichzeitigen Ungewißheiten liege. Was nicht hieß, daß es keine weiteren gab, sondern daß nur drei bis vier in einem menschlichen Gehirn in Umlauf sein konnten. Daß also Danglards Manie, sie ausrotten zu wollen, ihm rein gar nichts nützte, denn sobald er zwei abgetötet hatte, wurde der Platz sofort für zwei gänzlich neue Fragen frei, auf die er nie gekommen wäre, wenn er die Weisheit besessen hätte, die alten einfach zu ertragen.
Danglard lehnte diese Hypothese ab. Er hatte Adamsberg in Verdacht, die Ungewißheit bis zur Erstarrung zu lieben. Sie so sehr zu lieben, daß er sie von sich aus schuf, daß er die klarsten Aussichten vernebelte, rein aus dem Vergnügen, sich verantwortungslos darin zu verlieren, wie wenn er im Regen spazierenging. Wenn man etwas nicht wußte, wenn man überhaupt nichts wußte, wozu sich dann aufregen?
Das ständige Ringen zwischen Danglards klarem »Warum?« und dem unbekümmerten »Ich weiß nicht« des Kommissars bestimmte den Rhythmus bei den Ermittlungen der Brigade. Keiner versuchte das Wesen dieses erbitterten Kampfes zwischen Schärfe und Ungenauigkeit zu verstehen, aber jeder schloß sich der Geisteshaltung des einen oder des anderen an. Die einen, die Positivisten, meinten, Adamsberg zöge die Ermittlungen in die Länge, treidelte sie sehnsuchtsvoll durch Nebelschwaden, wobei er seine verirrten Mitarbeiter ohne Marschbefehl und Anweisungen hinter sich ließ. Die anderen, die Wolkenschaufler – so genannt in Erinnerung an eine traumatische Reise der Brigade nach Quebec* –, waren der Ansicht, daß die Ergebnisse des Kommissars genügten, um vor sich hin tuckernde Ermittlungen zu rechtfertigen, auch wenn sie selbst das Wesentliche der Methode nicht begriffen. Je nach Laune, je nachdem, ob die Zufälligkeiten des Augenblicks mehr die Nervosität oder mehr die Langmut förderten, konnte man an einem Morgen Positivist sein und am nächsten Wolkenschaufler und umgekehrt. Nur Danglard und Adamsberg, die beiden gegensätzlichen Titelverteidiger, veränderten niemals ihre Position.

* Fred Vargas, Der vierzehnte Stein.

Unter den harmlosen Fragen ohne Antwort glänzte noch immer der Ehering am Finger des Kommissars. Danglard wählte diesen Regentag, um Adamsberg schlicht mit einem Blick auf den Ring zu befragen. Der Kommissar zog seine durchnäßte Jacke aus, setzte sich schräg hin und streckte seine Hand aus. Diese Hand, zu groß für seinen Körper, an deren Gelenk schwer zwei Uhren hingen und die nun außerdem mit diesem goldenen Ring geziert war, paßte nicht zu seiner übrigen Kleidung, die er bis auf das Notdürftigste vernachlässigte. Man hätte sie für die geschmückte Hand eines einstigen Adligen halten können, die am Körper eines Bauern befestigt war, verschwenderische Eleganz, die an der dunklen Haut des Bergmenschen hing.
»Mein Vater ist gestorben, Danglard«, erklärte Adamsberg ruhig. »Wir saßen zusammen vor einer Taubenjagdhütte und verfolgten mit den Augen einen Bussard, der über uns kreiste. Die Sonne schien, da ist er tot umgefallen.«
»Sie haben mir nichts davon gesagt«, murmelte Danglard, den die Geheimnisse des Kommissars grundlos kränkten.
»Ich bin bis zum Abend bei ihm geblieben, ich hielt seinen Kopf an meiner Schulter. Ich wäre wahrscheinlich immer noch dort, aber eine Schar von Jägern hat uns bei Einbruch der Nacht gefunden. Bevor der Sarg geschlossen wurde, habe ich seinen Ring an mich genommen. Dachten Sie, ich hätte geheiratet? Camille?«
»Das habe ich mich gefragt.«
Adamsberg lächelte.
»Frage geklärt, Danglard. Sie wissen besser als ich, daß ich Camille zehnmal habe fortgehen lassen und immer dachte, der Zug käme auch noch ein elftes Mal vorbei, an einem Tag, an dem es mir passen würde. Und genau dann kommt er nicht mehr vorbei.«
»Man kann nie wissen, mit all den Weichenstellungen.«
»Die Züge fahren genau wie die Menschen nicht gern im Kreis. Nach einer Weile geht es ihnen auf die Nerven. Nachdem man meinen Vater beerdigt hatte, habe ich meine Zeit damit verbracht, Steine im Wasser zu sammeln. Das kann ich gut. Stellen Sie sich nur die unendliche Geduld des Wassers vor, das über diese Steine hinwegströmt. Und die Steine, wie sie sich ihm überlassen, während der Fluß dabei ist, all ihre Unebenheiten wegzufressen, so als wär’s nichts. Am Ende gewinnt das Wasser.«
»Nun, wenn es schon ums Kämpfen geht, sind mir die Steine lieber als das Wasser.«
»Das ist Ihre Auffassung«, meinte Adamsberg ungerührt. »Was Steine und Wasser anbelangt, zwei Dinge, Danglard. Einerseits spukt es in meinem neuen Haus. Eine blutrünstige und habgierige Nonne, die 1771 unter den Fäusten eines Gerbers starb. Er hat sie zermalmt. Einfach so. Sie wohnt in gasförmigem Zustand auf dem Dachboden. Das wär’s in puncto Wasser.«
»Gut«, sagte Danglard vorsichtig. »Und in puncto Steine?«
»Ich habe die neue Gerichtsmedizinerin getroffen.«
»Elegant, kühl und ein wahres Arbeitstier, nach dem, was man sich so erzählt.«
»Und hochbegabt, Danglard. Haben Sie ihre Doktorarbeit über die zweigeteilten Mörder gelesen?«
Überflüssige Frage, Danglard hatte alles gelesen, bis hin zu den Evakuierungshinweisen im Falle eines Brandes, die an den Türen von Hotelzimmern hängen.
»Über die dissoziierten Mörder«, berichtigte Danglard. »Zu beiden Seiten der Wand des Verbrechens. Das Buch hat einiges Aufsehen erregt.«
»Der Zufall will es, daß sie und ich uns vor mehr als zwanzig Jahren wie zwei Hunde gefetzt haben, in einer Kneipe in Le Havre.«
»Feinde?«
»Durchaus nicht. Diese Art von Zusammenstoß läßt zuweilen starke Beziehungen entstehen. Ich rate Ihnen davon ab, mit ihr ins Café zu gehen, sie praktiziert Mischungen, die einen bretonischen Seemann umhauen können. Sie hat die beiden Toten von der Porte de la Chapelle übernommen. Ihrer Auffassung nach hat eine Frau sie umgebracht. Bis heute abend wird sie ihre ersten Ergebnisse konkretisiert haben.«
»Eine Frau?«
Empört richtete Danglard seinen weichen Körper auf. Er haßte die Vorstellung, Frauen könnten töten.
»Hat sie gesehen, wie groß die Kerle sind? Soll das ein Scherz sein?«
»Vorsicht, Danglard. Dr. Lagarde irrt sich nie, oder fast nie. Verklickern Sie ihre Vermutung den Drogenfahndern, das wird die für eine Weile beruhigen.«
»Mortier gerät langsam außer Kontrolle. Seit Monaten beißt er sich die Zähne an dem Drogenhandel in Clignancourt-La Chapelle aus. Er ist in einer üblen Lage, er braucht Ergebnisse. Heute morgen hat er zweimal angerufen, er ist außer Rand und Band.«
»Lassen Sie ihn schreien. Am Ende gewinnt das Wasser.«
»Was werden Sie tun?«
»Wegen der Nonne?«
»Wegen Diala und La Paille.«
Adamsberg warf Danglard einen unbestimmten Blick zu.
»So heißen die beiden Opfer«, erklärte Danglard. »Diala Toundé und Didier Paillot, genannt ›La Paille‹. Gehen wir heute abend ins Leichenschauhaus?«
»Heute abend bin ich in der Normandie. Es gibt ein Konzert.«
»Ah«, sagte Danglard und stand schwerfällig auf. »Sie suchen nach der Weichenstellung?«
»Ich bin bescheidener, Capitaine. Ich begnüge mich damit, das Kind zu hüten, während sie spielt.«
»Commandant, ich bin jetzt Commandant. Erinnern Sie sich, Sie haben meiner Beförderungsfeier beigewohnt. Was für ein Konzert?« fragte Danglard, dem Camilles Interessen immer sehr am Herzen lagen.
»Sicher irgendwas Bedeutendes. Ein englisches Orchester mit alten Instrumenten.«
»Das Leeds Barock-Ensemble?«
»Ein Name in der Art, ja«, bestätigte Adamsberg, der nie ein Wort Englisch gelernt hatte. »Fragen Sie mich nicht, was sie spielt, ich weiß es nicht.«
Adamsberg stand auf, nahm seine feuchte Jacke und hängte sie sich über die Schulter.
»Passen Sie auf die Katze auf, solange ich weg bin, auf Mortier, auf die Toten und die Stimmung von Lieutenant Noël, die immer schlechter wird. Ich kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen, ich habe meine Pflichten.«
»Jetzt, wo Sie ein verantwortungsbewußter Vater sind«, brummte Danglard.
»Wenn Sie es sagen, Capitaine.«
Adamsberg nahm Danglards grummelige Vorwürfe, die er fast immer für gerechtfertigt hielt, bereitwillig an. Der Commandant zog seine fünf Kinder wie eine Vogelmutter allein groß, während Adamsberg immer noch nicht richtig begriffen hatte, daß das Neugeborene seins war. Seinen Namen allerdings hatte er sich schon eingeprägt, Thomas Adamsberg, genannt Tom. Ein Pluspunkt für ihn, fand Danglard, der beim Kommissar nie ganz die Hoffnung aufgab.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Aufbau Verlagsgruppe.