Alles anzeigen: August 2006

Französische Zeitungen 18.08.2006

1. Überblick

Schlagzeilen: Libanon (LE MONDE, LA CROIX) und Ausländerpolitik in verschiedenen Ausprägungen (spektakulär angelegte Räumung eines der größten besetzten Häuser in Frankreich (650 bis 700 Personen, darunter vermutlich zahlreiche illegale Ausländer) in Cachan, Val-de-Marne. LE FIGARO: "Größte Hausbesetzung in Frankreich im Département Val-de-Marne geräumt." LIBÉRATION: "Cachan: Beseitigung einer Hausbesetzung mit Hochdruckreiniger" (Anspielung auf eine frühere Formulierung von Innenminister Sarkozy), L'HUMANITÉ: "Sarkozy entmietet ohne Gnade", LE PARISIEN hat einen anderen Aufmacher, bringt das Thema aber auch auf der Titelseite. LES ECHOS titelt mit dem Ruf von Luftfahrtgesellschaften nach staatlicher Unterstützung wegen der Zusatzbelastungen durch neue Terrorbekämpfungsmaßnahmen.

Andere internationale Themen (Libanon heute zwar weniger auf den Titelseiten, aber wie schon seit Wochen ab Seite 2 oder 3 Seiten füllend in allen Blättern): Britischer Innenminister Reid profitiere ungemein von seiner starken Exponiertheit in schwieriger Zeit und immer noch andauernder Abwesenheit von Premierminister Blair. Meldungen über Handel mit Organen von FaLunGong-Häftlingen in China (LE MONDE). LA CROIX berichtet über das von der "Liga polnischer Familien" vorbereitete Referendum zur Wiedereinführung der Todesstrafe und erinnert: "Die Todesstrafe war 1997 in Polen abgeschafft worden - in Erfüllung einer Bedingung für die Aufnahme in die EU." LE PARISIEN berichtet über den Stand des Gesetzesvorhabens zur Fusion von Suez und Gaz de France. Überall: Neuordnung der Systematik unseres Planetensystems durch die Internationale Astronomische Union.

Deutschland: Wieder breit Günter Grass (in den meisten Zeitungen); LES ECHOS berichtet: " Deutsches Haushaltsdefizit dieses Jahr unter 3%".

2. Wichtiges im Einzelnen

Libanon

Heute im Wesentlichen Berichte, im Vordergrund die Rückkehr der libanesischen Streitkräfte in das Gebiet südlich des Litani, viele Fotos. Zweiter Schwerpunkt: Die französische "Zurückhaltung" (so LE MONDE) bei den Zusagen für UNIFIL plus. FIGARO und LIBÉRATION mit ähnlichen Überschriften: "Engagement der französischen Militärs im Rückwärtsgang" (FIGARO), " Soldaten im Libanon: Frankreich im Rückwärtsgang - Chirac verlangt Garantien, bevor er sich bei UNIFIL engagiert. Zunächst einmal nur 200 Mann entsandt" (LIBÉRATION). Leitartikel des FIGARO (Rousselin) unterstützt im Prinzip die Linie des Präsidenten, mahnt aber: Frankreich muss die Führungsrolle in der Libanonfrage behalten. Vorsicht bei der verbindlichen Zusage von Truppen sei gewiss geboten, es sei Frankreichs Rolle, bei der Formulierung des Mandats Führung zu zeigen, dann aber auch militärisch. Zu den 1.700 Soldaten der bereits laufenden im Wesentlichen humanitären Operation "Baliste" meint der Leitartikler: "Sie können jederzeit UNIFIL zugeordnet (affectés) werden."
Weiterer Aspekt ist die "lebhafte" (LE MONDE) Auseinandersetzung in Israel über die Frage, ob das militärische Vorgehen ein Erfolg war. In LIBÉRATION ein Namensbeitrag zu diesem Thema von einem israelischen VN-Diplomaten, Noam Ohana, der eine nachhaltige Schwächung der Hisbollah sieht (möglicherweise die zentral vorgegebene israelische Sprachregelung zu dieser Frage).
Ferner: Walid Dschumblatt und Saad Hariri greifen den syrischen Präsidenten und die Hisbollah wegen eines angeblichen "Aufrufes zum Staatstreich" scharf an, verbreitet Berichte.

Deutschland

Grass-Auseinandersetzung – Vergangenheitsbewältigung

Berichte und Analysen in FIGARO, L'HUMANITÉ, LE MONDE.
In letzterer ein vor dem Hintergrund der Grass-Diskussion erstellten Tableau des Deutschland von Mitscherlichs "Unfähigkeit zu trauern" bis heute von Daniel Vernet, Titel: "Deutschland und die Wiederkehr der Verdrängung". Anders als die Überschrift vermuten lässt, wird ein im Ganzen hoffnungsvolles Bild gezeichnet, dass Deutschland mit seinem maßvollen und nicht bedrohlichen Selbstvertrauen würdigt, allerdings die auch nach zwei vollen Generationen weiter in die Gegenwart hineinragende Belastung durch die Grauen der nationalsozialistischen Zeit nüchtern ausmacht. So führt er die aktuelle Auseinandersetzung um Grass ebenso darauf zurück wie die durch ein "interessantes Aufeinandertreffen" zur gleichen Zeit aufkommende Frage über einen UNIFIL-Einsatz der Bundeswehr. "Heißt das, dass die Arbeit an der Vergangenheit nun endlich den Historikern überlassen werden kanné Die meisten Deutschen möchten es glauben. Das Erwachen ist umso schmerzhafter, wenn die Vergangenheit plötzlich wieder einmal in der Gegenwart auftaucht. ... (Grass') Leser ... fragen sich, wie er so lange seine Mitbürger ermahnen konnte, ihrer eigenen Vergangenheit aufrecht ins Auge zu sehen, während er selbst sein Eckchen Schatten hütete." Und weiter, zur Nahostfrage: "Ehud Olmert hat seinen Finger in eine Wunde gelegt, als er die Präsenz der Bundeswehr in der internationalen Streitmacht als wünschenswert bezeichnete. Er erkennt an, dass das Deutschland von heute nicht das von gestern ist, aber er unterstreicht auch, dass Deutschland ein besonderer Verbündeter ist, geleitet durch ein herausgehobenes Wohlwollen gegenüber Israel und ihm verpflichtet. Anders gesagt: Was Deutschland auch tut, es ist nicht frei bei seiner Politik im Nahen Osten, solange es der wiederkehrenden Verdrängung kein Ende gesetzt hat."

(Quelle : Pressereferat der deutschen Botschaft in Paris)


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