Alles anzeigen: August 2006

Französischer Pressespiegel 17.08.2006

1. Überblick

Günter Grass heute im Titelfoto sowohl von LE MONDE wie von LA CROIX, Schlagzeilen: " Deutschland vor dem Eingeständnis von Günter Grass" (LE MONDE) und "Günter Grass: Deutschlands verwundete Erinnerung" (LA CROIX - auf den inneren Seiten umfangreiche Analysen, diverse Namensbeiträge etwa über den Charakter der Waffen-SS und die möglichen oder bereits eingetretenen Folgen für das deutsch-polnische Verhältnis). Aufmacher der anderen: "Friedenskonzert für den Nahen Osten" (LE FIGARO, großes Titelfoto Barenboim), Rauchen nimmt wieder zu (LIBÉRATION), soziale Abfederungsmaßnahmen für schwächere Familien vor dem Ende der Sommerferien (LES ECHOS), besondere Ferienagebote für Alleinerziehende und Patchwork-Familien (LE PARISIEN), " Tod im Einsatz bei Arcelor" (L'HUMANITÉ). Trotz dieses bunten Bildes: Auf den Seiten zwei und drei nahezu unangefochten weiter das Thema Libanon.

Weitere internationale Themen: LE MONDE beschäftigt sich mit der Positionierung des Iran nach dem aufwändig als Sieg der Hisbollah inszenierten vorläufigen Ende des Krieges im Libanon. Angesichts der Welt-Aids-Konferenz werden die Lage der Erkrankten und die Schritte zur Bekämpfung der Krankheit überall breit thematisiert. Ferner verbreitet wenig optimistische Berichte über die Sicherheitslage im Irak.

Innenministerkonferenz in London sowie, in diesem Zusammenhang, Ausländerpolitik des französischen Innenministers Sarkozy: Der Druck auf Sarkozy aus Kreisen der Kirchen und diversen Unterstützungskomitees illegal in Frankreich lebender Ausländer wachse, das Innenministerium solle mehr als nur ca. ein Fünftel derjenigen Ausländerfamilien legalisieren, die dies wegen gut integrierter Schulkinder beantragt hätten (Sarkozy hatte "ca. 6.000 von etwas unter 30.000 Antragstellern" in Aussicht gestellt).

Deutschland: Neben dem sogar viele internationale und - jedenfalls heute - sämtliche innenpolitischen Themen in den Schatten stellenden Grass/Waffen-SS-Thema: Umfassender analytischer Beitrag des Berlin-Korrespondenten von LE MONDE, "Gewagtes Spiel von Angela Merkel". LES ECHOS noch mit einem Bericht über die Demographie in Deutschland.

2. Wichtiges im Einzelnen

Libanon

Wiederum sehr umfangreich in allen Zeitungen. Schwerpunkte heute: Die Rückkehrer im Südlibanon und die humanitären Herausforderungen; für heute angekündigtes Eintreffen der ersten libanesischen Einheiten südlich des Litani und die Ankündigungen der VN, schon in wenigen Wochen eine erste, 3.500 Mann zählende Verstärkung für UNIFIL vor Ort zu haben. Dabei stehen die französische Ankündigung, in der Anfangszeit die Führung übernehmen zu wollen, und die darüber geführten Gespräche von Außenminister Douste-Blazy in Beirut im Vordergrund.
Auch die Diskussion über eine Teilnahme in Deutschland wird weiter aufmerksam beobachtet, FIGARO titelt: "Deutschland auf dem Weg nach Beirut."

LIBÉRATION und LES ECHOS legen einen Schwerpunkt auf die inzwischen öffentlich erklärte Absicht der Hisbollah, sich nicht entwaffnen zu lassen. LIBÉRATION hat einen Hisbollah-Parlamentarier im libanesischen Parlament (Hussein Haj Hassan) interviewt, der erklärt: "Die libanesische Armee kann frei im Grenzgebiet stationieren. Sie wird gut aufgenommen werden. Es wird keine Hindernisse für sie geben. Entscheidend ist, dass der Widerstand in der Region präsent bleibt..."

LES ECHOS titelt: "Hisbollah ist schneller bei der Ausnutzung der Waffenruhe als die libanesische Regierung."

In LIBÉRATION geißelt Pierre Haski Äußerungen aus Washington nach Verabschiedung der Resolution 1701: "Wer Freunde hat wie George W. Bush braucht keine Feinde mehr. Im unpassendsten Augenblick, nämlich beim Übergang von der bewaffneten Auseinandersetzung zu einem zerbrechlichen Gleichgewicht im Libanon, häuft der amerikanische Präsident Erklärungen aufeinander, die - im besten Falle - die Umsetzung der Resolution 1701 erschweren werden. Indem er den Libanon, wie am Dienstag geschehen, zur 'dritten Front' des Krieges gegen den Terror erklärt, reiht er den Konflikt Israels mit seinen Nachbarn ein in die größere Auseinandersetzung mit der 'Achse des Bösen'. Einen Kreuzzug, bei dem sich die meisten der Staaten, die eine Entsendung von Streitkräften erwägen, nicht wieder finden, allen voran Frankreich. ... Wozu verabschiedet man eine Resolution, die auf der Zusammenarbeit aller Parteien beruhen muss, wenn man noch vor ihrer Anwendung zentrale Spieler als tödliche Feinde abqualifiziert, die es umzulegen gilté" Weiter, nach einer zynischen Situationsanalyse der amerikanischen "Erfolge" im Irak und in Afghanistan: "Es ist klar, dass die neue Aufgabe der UNIFIL im Libanon kein Spaziergang wird und dass die Hisbollah sich in der gegenwärtigen Konstellation nicht entwaffnen lassen wird. Ein Grund mehr, eine Mission, die ohnehin viel von 'Mission impossible' hat, nicht in einen ideologischen Kreuzzug zu verwandeln. Folge Bush, und dein Scheitern ist garantiert."

Iran

Sehr breit wird heute in LE MONDE die nach dem Urteil der Zeitung herausfordernde Politik analysiert, die der Iran nach dem unter anderen auch von ihm ausgerufenen "Sieg" der Hisbollah an den Tag lege. "Libanon, Israel, Nuklearprogramm: Iran an allen Fronten", lautet die besorgte Überschrift. Der Beitrag wird noch ergänzt durch einen Bericht über die Eröffnung einer als Antwort auf die Mohammed-Karikaturen in Dänemark gedachte Ausstellung von Karikaturen über den Holocaust in Teheran. Den vorläufigen Ausgang des Konfliktes im Libanon wie einen eigenen Sieg zu feiern, sei Teheran umso leichter gefallen, als "von einzelnen Staaten, die an den VN-Gesprächen teilgenommen haben" Teheran als "stabilisierender Faktor der Region" apostrophiert worden sei. Allerdings, so der Beitrag weiter, sei unklar, wie Iran diesen so gefeierten "Sieg" nutzen wolle. Immerhin sei das interne Verhältnis zur Hisbollah-Führung keineswegs klar, und die Libanesen können man sich nur entfremden, wenn man die Nähe zu sehr betone, das zeige sich in der Politik von Nasrallah.

Deutschland

Günter Grass

Auch hier wird von den Qualitätszeitungen und den Intellektuellen die Frage gestellt, ob man wegen des Grassschen Eingeständnisses ihn, seine politische Tätigkeit oder auch sein Werk anders bewerten muss. Dabei ist das Urteil verbreitet eher milde, durchaus repräsentativ der Leitartikel in LA CROIX: "Indem er jetzt, wie er sich ausdrückt, 'die Schande' auf sich nimmt, am Nationalsozialismus aktiv teilgenommen zu haben, wenn auch nur kurz und in einer Randrolle, sogar ungewollt, wird der Intellektuelle Grass ein Mensch wie die anderen, hingestellt unter seinesgleichen und nicht mehr über ihnen. Er nimmt seinen ganzen Platz ein, mitten im Schicksal seines Volkes. Der Blechtrommler erklärt sich, am Ende seiner Lebensbahn, schließlich doch damit einverstanden, zu wachsen. Er kann größer daraus hervorgehen. " Und die Intensität der Mediendiskussion gibt sogar Gelegenheit, erneut auf schlummernde, aber dennoch lebendige Fehlurteile einzugehen, wie Alfred Grosser in seinem Namensbeitrag in LA CROIX: "Wird man denn dann jetzt in Frankreich wie in Deutschland endlich begreifen, dass 'Waffen-SS' nicht gleich 'SS' isté Im Verfahren gegen die Einheit, die Oradour massakriert hat, hat sich herausgestellt, dass ein großer Teil der jungen Mörder der Waffen-SS-Division 'Das Reich' so genannte 'Malgré-Nous', elsässische Zwangsrekrutierte, waren. Aber die 900.000 Deutschen, die diese Elite-Divisionen bildeten, waren auch keine Freiwilligen. Nur ihre Führer waren echte SS-Mitglieder." Im selben Blatt ein besorgter Korrespondentenbeitrag zum deutsch-polnischen Verhältnis. Für diese Beziehung, ohnehin stark strapaziert, sei Günter Grass ein moralischer Garant, ein Eckstein gewesen. Dass er nun in Zweifel gezogen werde, komme wahrlich zu einem schlechten Zeitpunkt. Die Urteile von Beobachtern in Warschau gingen von "schwerste Krise seit 1990" (Zitat nach dem deutschen Korrespondenten in Warschau Thomas Urban) bis hin zu " Nun mal nicht übertreiben: Eine Blockade ist das nicht, dafür hat selbst diese polnische Regierung zu viel Interesse an einem weitgehend reibungsarmen Verhältnis" (Warschauer Historiker Aleksander Hall). Adam Michnik und Erzbischof Jozef Michalik hätten Grass und diesem seinem Schritt öffentlich Respekt bezeugt. Dasselbe tun in LA CROIX Grass' Biograph Olivier Mannoni und sein französischer Verleger Jean-Louis Schlegel in Namensbeiträgen. In LIBÉRATION ein ausschließlich die deutsche Diskussion wiedergebender Korrespondentenbericht.

Lage der Großen Koalition

Umfassender analytischer Beitrag des Berlin-Korrespondenten von LE MONDE, "Gewagtes Spiel von Angela Merkel": Die Situation der Regierung Merkel, neun Monate nach ihrem Amtsantritt, wird nüchtern und kenntnisreich beschrieben, noch einmal auf die Entstehungsgeschichte der Großen Koalition Bezug genommen und die CDU-/CSU-interne Diskussion über die von manchen befürchtete "Sozialdemokratisierung" erläutert. Schlussfolgerung: Bundeskanzlerin setze auf den mitreißenden Effekt der wirtschaftlichen Erholung, der diese Morositäten auflösen und der CDU/CSU wieder bessere Umfragewerte bescheren werde. Auch der Aufschwung werde aber keineswegs von allen als sicher und dauerhaft eingeschätzt, so dass das Spiel nicht ohne Risiko sei. Die FDP jedenfalls setze wohlgemut auf Bundestagswahlen vor dem eigentlichen Termin im Herbst 2009.

(Quelle: Pressereferat der deutschen Botschaft Paris)


Alles anzeigen: August 2006