Alles anzeigen: August 2006

Zeitungen Frankreich 10.08.2006

1. Überblick

Nahost nur noch Aufmacherthema im FIGARO mit großem Foto israelischer Bodentruppen, LE MONDE gibt dem Rückgang des Wirtschaftswachstums in den USA und dem unerwarteten Ausbleiben einer weiteren Zinserhöhung durch die Fed den Vorzug, ähnlich LES ECHOS mit der wachstumshemmenden Wirkung des Ölpreisanstiegs nach dem Ausfall des Ölfeldes Prudhoe Bay. LIBÉRATION macht ebenso wie L'HUMANITÉ mit der wachsenden Zahl Obdachloser in Frankreich auf, LA CROIX mit der unerwartet hohen Zahl von 30.000 Anträgen auf "Regularisierung" des Aufenthaltsstatus von ausländischen Familien mit ins Schulleben integrierten Kindern, LE PARISIEN mit Sport.

Auf den Innenseiten ist der Nahostkonflikt weiterhin das zentrale Thema, auch einiger Leitartikel. Weitere internationale Themen verstreut: Auszählung im Kongo (LE MONDE), Ansturm polnischer Beschäftigungssuchender in Großbritannien, Spionageurteil in Moskau (LE FIGARO), Personalengpässe und Verluste der chinesischen Luftfahrtunternehmen (LE MONDE), Ermordung von Personal int. NGOs auf Sri Lanka (LIBÉRATION, LA CROIX), Brände in Spanien (LIBÉRATION), Störungen des Friedensprozesses in der Elfenbeinküste (LA CROIX).

Einige wenige Deutschlandmeldungen heute vor Allem im Wirtschaftsbereich: FIGARO berichtet über die Fernwirkungen des schwedischen Reaktorzwischenfalls auf die Diskussion in Deutschland, FIGARO Wirtschaft über eine "enttäuschend langsame Erholung der deutschen Banken", LES ECHOS dagegen "Die wirtschaftliche Erholung Deutschlands beschleunigt sich".

2. Wichtiges im Einzelnen

Libanon

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die Äußerungen, die Staatspräsident Chirac nach der gestrigen Sondersitzungen eines Teils des französischen Kabinetts (Staatspräsident, Premierminister, Außenminister, Verteidigungsministerin) in Toulon gemacht hat. Sie werden von allen Blättern als eine Verschärfung des Tons gegenüber Washington verstanden, insbesondere was die Klausel einer sofortigen Waffenruhe angeht. FIGARO: "Chirac warnt die USA: Für den Staatschef wäre der Verzicht auf eine sofortige Waffenruhe 'unmoralisch'" und in einem weiteren Bericht: " Paris und Washington revidieren ihren Vorschlag für eine VN-Resolution".
Alle berichten über Chiracs ins Einzelne gehende Darlegung der französischen Vorstellungen zum weiteren Vorgehen (LA CROIX: "Der Libanon bleibt in ausschließlicher Zuständigkeit des Élysée") und seine ungewöhnlich persönlichen Einlassungen, hier zitiert nach FIGARO: "Frankreich werde 'seine eigene Resolution' einbringen, wenn es keine Einigung mit Washington auf einen neuen Text gibt. 'Sofortige und vollständige Einstellung der Kampfhandlungen, jedenfalls so schnell wie möglich ... keine französische Teilnahme an einer internationalen Truppe vor einer Einigung der Kriegführenden über die Grundlagen und Elemente eines dauerhaften Waffenstillstandes' ... Diese 'politische Verpflichtung' der beiden Seiten 'muss besonders die Grenzziehung umfassen und die Freilassung der entführten israelischen Soldaten herbeiführen. Das VN-Mandat für eine internationale Truppe muss klar sein und eine faire Lastenteilung unter den teilnehmenden Staaten bringen'. Diese Bedingungen sind noch lange nicht erfüllt. Die USA verweigern die Einführung einer Klausel über den israelischen Rückzug aus dem Libanon. Chirac: 'Tatsächlich scheint es hier eine amerikanische Zurückhaltung zu geben ... Ich kann mir aber nicht vorstellen, eine Friedenslösung darauf aufbauen zu wollen, dass man die Beendigung der Feindseligkeiten hinauszögert. Das wäre von allen Lösungen die unmoralischste.'" Der Präsident habe auch die unterschiedliche Behandlung Syriens und des Iran gerechtfertigt: Iran sei als wichtige regionale Macht zu konsultieren. "'Dagegen habe ich aus persönlicher Erfahrung kein volles Vertrauen in Bachar el Assad (Anm.: Andere Zeitungen zitieren: "in Syrien"). Der spanische AM hat kürzlich in Damaskus Gespräche geführt und eine Zusage erhalten, Damaskus werde auf Hizbullah einwirken, einen Waffenstillstand zu akzeptieren. Keine halbe Stunde später wurde das von Damaskus dementiert. Das nimmt einen nicht gerade ein.'" Und schließlich: "'Ich bin bestürzt, wie das Wiederaufbauwerk Rafik Hariris im Libanon ruiniert wurde. Diejenigen, die ihn getötet haben, und ihre Komplizen haben dem Libanon und seinem Volk einen schweren Schlag versetzt.'"

Weitere Berichte in allen Blättern befassen sich mit der Verschärfung des israelischen Vorgehens, der Ablösung des bisherigen Operationskommandeurs Udi Adam, den Meldungen über die vollständige Evakuierung von Kirjat Schmoneh, den Opfern unter den Soldaten und den israelischen Angaben, iranischen Revolutionswächter unter den Hizbullah-Opfern gefunden zu haben. Schließlich wird ein Auftritt von Hassan Nasrallah im Fernsehsender Al-Manar von allen wiedergegeben (Hizbullah werde den Südlibanon zu einem "israelischen Gräberfeld" machen, Aufruf an die in Haifa lebenden Araber, die Stadt zu verlassen, die (Raketen-)Kampfkraft der Hiszbullah sei unberührt).

Kommentare:

FIGARO: "Chiracs Einlassungen beseitigen einige Unklarheiten. ... Wenn Washington sich weigert, Änderungen auf der Basis arabischer Wünsche an der Resolution vorzunehmen, wird Paris die geänderte Version allein einbringen. ... Man könnte einwenden, das sei bloßes Gestikulieren, bekannter Diskurs, ... der nur Ausdruck französischer Machtlosigkeit sei. Das hieße aber außer Acht lassen, dass Frankreich in der europäischen Einöde als einziges einen Ausweg aus dem Konflikt anbietet. Vielleicht deshalb, weil Chirac immer, wenn es um den Libanon geht, aus dem 'Bauch' heraus spricht. ... Niemals waren seine Worte an die syrische Adresse so hart."
LA CROIX: "Für Washington geht es darum, 'auf Zeit zu spielen', um Israel die Möglichkeit zu geben, Hizbullah tödliche Schläge zu versetzen. ... Mit seiner Ankündigung, notfalls allein einen Resolutionsentwurf im Sicherheitsrat einzubringen, hat Chirac die französische Isolation und die Schwierigkeit einer gemeinsamen Positionsbestimmung Europas zum Ausdruck gebracht. Eines Europa, das doch die Fähigkeiten hätte, ... vermittelnd in der Region tätig zu werden. Eine Machtlosigkeit, die auf Immoralität hinausläuft."
LE MONDE (die erscheinungsbedingt nicht die Einlassungen Chiracs kommentieren kann) beleuchtet die Skepsis in den USA über den Sinn einer libanesischen Streitkräftestationierung im Süden. Trotz grundsätzlicher positiver Töne habe der Sprecher des State Department die libanesischen Streitkräfte als nicht "nicht ausreichend stark" bezeichnet, um vollständige Kontrolle im Südlibanon auszuüben. UNIFIL habe in Washington ohnehin keinerlei Glaubwürdigkeit mehr. Bolton und de la Sablière hätten sich verkeilt, und Moskau habe den ursprünglichen Resolutionsentwurf als "wertlos" bezeichnet.

US-Wirtschaft

Umfangreiche Berichterstattung von LE MONDE, beginnend auf der Titelseite als Nr. 1, über das überraschende Ausbleiben eines weiteren Zinsschrittes durch die Fed. Hierin zeichne sich ein beginnender Wachstumsrückgang in den USA ab, der auf ein inzwischen wieder hohes Zinsniveau, den exorbitanten Ölpreis, zuletzt noch einmal durch den Prudhoe-Bay-Ausfall zugespitzt, und eine daraus resultierende spürbare Kaufzurückhaltung der amerikanischen Konsumenten zurückgeführt werde. Trotz dieser Effekte gebe es aber inflationäre Tendenzen, so dass es in den USA auch Befürworter weiterer Zinsschritte gebe. Besonders der rasche Anstieg der Löhne und Gehälter (4 Prozent in einem Jahr) mache Kopfzerbrechen.
Im Gegensatz dazu ein ausführlicher Korrespondentenbericht in LES ECHOS, der für die nächste Woche günstige Wachstumszahlen für die deutsche Wirtschaft (II. Quartal 2006) voraussagt.

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