Verdienst, Freizeit und das Leben in Frankreich

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Wie sieht es mit Kontakten aus? Habt ihr französische Bekannte oder sogar Freunde, oder hält man sich da mehr an die deutsche Gruppe?

Kommt darauf an. Mädchen, die zum erstenmal oder erst kurze Zeit hier sind, suchen die deutschen Gruppen oder das Foyer. Erfahrenere haben auch Kontakte mit Franzosen. Das hängt teilweise auch von den Gastfamilien ab, ob die das Mädchen integrieren und in ihrem Bekanntenkreis vorstellen, oder sich selbst überlassen. Letztlich ist das auch eine Frage der Sprachkenntnisse und der Persönlichkeitsentwicklung. Wer nicht richtig Französisch spricht und auch zu Hause in Deutschland eine graue Maus und schüchtern war, kann in einer so lebhaften Stadt wie Paris oder Lyon kaum erwarten, plötzlich mit Freunden und Einladungen überschüttet zu werden. Das kommt nicht gleich zu Anfang. Aber eigentlich versucht doch jede von uns, zumindest eine deutschsprachige Freundin zu haben, mit der man in der Freizeit reden und etwas unternehmen kann.

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 Am Anfang kann die Fremdheit zur gefährlichen Isolation werden, da braucht man einfach jemand. Ich war vorher in einer Familie als Sommer-Au-Pair für drei Monate in Biaritz, ganz unten an der spanischen Grenze, da hat man höchstens mal deutsche Touristen gesehen, und ich hatte viel mehr Kontakt zu Franzosen als hier in Paris. Allerdings kann man auch nicht erwarten, dass die Franzosen einfach so auf dich zu kommen. Da musst du schon was tun. Einem Sportverein beitreten, oder eine Bekanntschaftsanzeige in einer Zeitung, oder ins Theater und dort in der Pause sich unters Volk mischen und einfach drauf los quasseln, aber das ist einfacher gesagt als getan..., oder?

Apropos ausgehen und Freizeit! Das kostet ja schließlich Geld. Und weder Paris noch das restliche Frankreich sind nicht gerade billig. Wie kommt man mit dem Taschengeld von knapp 600 Mark (oder jetzt 300 Euro) über die Runden?

Zunächst herrscht betretenes Schweigen, dann vereinzelte unterschiedliche Meinungen und Erfahrungen:

Erstens arbeiten wir keine volle Zeit, obwohl unsere 36 Stunden pro Woche jetzt an die gewerkschaftlich für alle Arbeitnehmer geforderte 36-Stundenwoche heran kommt, und so gesehen verdienen wir weniger als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, den SMIC. Aber schließlich bekommen wir das Zimmer, was in Paris ja einen Wert von mindestens 1500 bis 2500 Francs (jetzt rund 300 bis 400 Euro) darstellt; dann unsere Vollverpflegung, die man ebenfalls noch mal mit 1500 Francs oder knapp 300 Euro veranschlagen kann. In Paris zahlen viele Familien noch die Carte Orange, also die Monatskarte für die Busse und Metro im Raum Paris, und schließlich kommt auch noch die Kranken- und Sozialversicherung auf die Familie zu, wenn man angemeldet arbeitet, also mit allen Papieren und so...

Das erklärt noch immer nicht meine Frage, ob ihr mit euerem Geld auskommt?

Es reicht gerade so, aber wenn man noch was Gespartes auf der Kante hat oder ab und zu mal was aus Deutschland von der lieben Familie kommt, das schadet auch nichts. Ein Kinobesuch kostet ja schon zehn Euro, selbst wenn man auf die Studentenkarte an den verbilligten Tagen geht; wenn man danach noch einen Kaffee trinkt, ein Päckchen Zigaretten kauft oder Heißhunger auf ein Eis oder einen Hamburger hat, also da muss man schon ganz schön kalkulieren und aufpassen. Für neue Klamotten, und davon gibt es in Paris ja eine traumhaft schicke Auswahl, also da ist nichts mehr drin...

Gibt es auch Fälle von persönlichem Versagen, Heimweh, Enttäuschung?

Ziemlich oft sogar! Obwohl es kaum jemand zugeben wird! Die Mädchen kommen meist aus gutbürgerlichen Verhältnissen in Deutschland, zumindest jene aus dem Westen. Etwas anders ist es mit den Mädchen aus der Ex-DDR; die sind irgendwie selbständiger, neugieriger, die kommen mehr aus einfachen Verhältnissen und boxen sich besser durch. Aber alle waren noch nie für längere Zeit, vor allem nicht in eigener Verantwortung, im Ausland. Da hört man was von Haustochter, denkt in erster Linie an Flirts, Freiheit und tanzen gehen, bereitet sich nicht richtig vor, und hier ist es dann ganz anders, als man es von zu Hause gewohnt ist. Hier sind plötzlich eigene Entscheidungen gefordert! Hier kann man sich nicht mehr an den gedeckten Tisch setzen und nachher den Mund abwischen! Hier dirigiert nicht mehr die Mutti das Geschehen, hier muss man oft selbst dirigieren. Die Gastfamilie kann sich zwar um Integration bemühen, aber sie ist kein völliger Ersatz für die gewohnte Familie zu Hause in Deutschland, und vor allem: Sie kann nicht Sozialarbeiter und Beichtvater spielen! Da gibt es mitunter schon verzweifelte Anrufe bei den Eltern oder Gespräche hier mit dem deutschen katholischen oder evangelischen Pfarrer oder mit den Sozialarbeiterinnen vom deutschen Sozialdienst in Paris oder hier mit der Heimleiterin, die ja nicht nur das Heim leitet, sondern mit pädagogischem Geschick über die heimlichen Wehwehchen der Mädchen Bescheid weiß. Und dann wird einem am Ende auch mal klar, dass man zu früh, zu unreif von zu Hause weg ist, dass man Träumen und Illusionen nach hing und hier die Realität noch nicht richtig in den Griff bekommt. Entweder muss man dann sehr schnell lernen, eine radikale, eine grundlegende Änderung seines Lebens vorzunehmen, oder erst einmal zurück nach Hause, und ein erneuter Versuch in vielleicht einem Jahr.....

Heißt Vorbereitung eigentlich, nur die Programme der Vermittlungsstelle richtig lesen, vielleicht noch etliche Lektüre über Frankreich in den Koffer packen, sich um den Au-Pair-Vertrag und die Versicherungspapiere, also um die praktischen Dinge zu kümmern und dann hier in Frankreich antanzen...? Oder gibt es auch so etwas wie eine psychologische Vorbereitung, völlig unabhängig davon, ob man nach Paris oder Lyon, also in Großstädte, oder in eine Familie mit Landhaus in der Provence geht...?

Ja! – Ich denke, man sollte sich zwar praktisch sehr gut vorbereiten, aber auch ein paar persönliche Gedanken über sich selbst machen, zum Beispiel was man selbst von diesem Frankreich-Jahr erwartet, wie man auf unvorhergesehene Fälle und andere, fremde Menschen reagiert, ob man bereit und fähig ist, von sich aus auf andere Menschen zuzugehen, oder immer nur wartet, ob die anderen den ersten Schritt tun. Besonders unter neuen Begebenheiten in einem anderen Land sollte man sich immer wieder selbst überprüfen, sich selbst auch in Frage stellen können. Warum hat mein Gegenüber, z.B. in der Metro, in der Sprachschule oder im Bistro, so oder so reagiert, und nicht so wie ich es erwartet hätte oder gewohnt bin? Wie hätte ich mich in seiner oder ihrer Position verhalten? Und nicht umgekehrt! Wir sollten ganz schnell lernen, nicht von uns auf andere zu schließen! Nicht unsere Ansichten als Nonplusultra zu betrachten, sondern in andere Menschen hinein hören; versuchen einen Standpunkt von deren Gesichtspunkt zu sehen. Gerade in neuen Situationen im Ausland hilft uns diese ohnehin logische Weisheit, nicht festzufahren, nicht isoliert zu werden, oder sogar als deutsche Besserwisserin abgestempelt zu werden. In Frankreich kommt nämlich noch eine zu Deutschland unterschiedliche „Streit-Kultur“ (nicht zu verwechseln mit dem ominösen Wort „Leit“-Kultur) hinzu: Franzosen diskutieren gerne über alles; sie akzeptieren zunächst erst mal überhaupt nichts, stellen alles in Frage, „streiten“ darüber, aber nicht verbissen, sondern als Wortspiel, als Gesellschaftsspiel, als Spaß an der Freude des Wortgeplänkels. Dieser Umstand hat schon vielen Deutschen – nicht nur Au-Pairs – zu Beginn des Frankreich-Aufenthaltes das Leben kompliziert

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