Interview über die Erfahrungen von Au-Pair Frauen in Frankreich

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Bedeutet Au-Pair, dass man ein bisschen den Kinderwagen durch einen Park schaukelt, der Hausfrau beim Essen servieren hilft, ansonsten freundlich lächelt und französische Konversation betreibt?

Allgemeines Lachen und Kopfschütteln in der Gruppe.

Nein! Im Gegenteil! Wir arbeiten uns zwar nicht tot, aber es sind doch fünf bis sieben Stunden täglich intensive und verantwortungsvolle Arbeit. Sicher, bei einer Tasse Kaffee oder einer Zigarettenpause zwischendurch steht niemand mit der Stoppuhr dabei. Und je nachdem, wie das persönliche Verhältnis zwischen Madame und dem Au-Pair ist, also ob die Chemie stimmt, da wird zwischendurch auch mal Mist gemacht oder gelacht oder einfach bei einer Zigarette auch mal über Privates geklönt...

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Hier wird das Gespräch durch einen Zwischenruf unterbrochen: „Bei uns gab es noch nie ein privates Gespräch zwischen Madame und mir. Meine Madame ist so abgehoben, eine richtige Vertreterin der französischen Bourgeoisie, nach dem Motto: Wir hier oben und ihr da unten! Hochnäsig und eitel bis zum Gehtnichtmehr. Sie rennt den ganzen Tag im Chanel-Kostüm herum. Sie hat einen Liebhaber während der Abwesenheit ihres Mannes, ich sehe ihn fast täglich nachmittags kommen und gehen, aber meine Madame tut so als sei nichts und übertüncht das alles mit ihrem unpersönlichen Gehabe, iss mir aber auch egal, ich mache meine Arbeit und damit basta! Die beiden Kinder sind ganz anders; die sind Sieben und Neun, nachdem ich die um Vier aus der Schule abhole, hängen die fast nur bei mir oben, ich hab‘ die Mansarde zwei Stockwerke höher. Madame ist das ganz recht, die ist froh dass sie die Gören los hat, obwohl sie dann immer so eine spitze Bemerkung macht, von wegen mangelnde Liebe und fehlender Respekt gegenüber den Eltern, aber der Kleine zeigt ihr den Vogel, wenn sie das Kinderzimmer verlassen hat, und das sagt ja wohl alles, und abends sitzen alle am Tisch und sie spielt mit ihm Turteltäubchen, Chérie hinten und mon amour vorne, dabei hat er bestimmt auch irgendwo in Paris eine Maitresse, so unmissverständlich wie der mich schon angemacht hatte...

Apropos Anmache!? Welche Erfahrungen habt ihr da mit den Ehemännern in eueren Gastfamilien gemacht?

Die Mädchen schauen sich an. So als suche jede in den Augen der anderen eine Antwort, einen Hinweis. Doch dann kommen die Antworten flüssig:

Bei mir war es nicht der Fall, und ich bin auch nicht so doof, mich in Abhängigkeit zu begeben oder Äste abzusägen, auf denen ich sitze. Aber ich weiß von einigen Mädchen, wo Versuche unternommen wurden. Nun weiß ja heutzutage jede Achtzehnjährige, was da abläuft, und ich halte es für eine Frage der Persönlichkeit, solche Situationen zu managen. Schau mal, manche Mädchen prahlen ja sogar damit, welche Chancen sie beim Hausherrn hätten, aber wer weiß, was davon Wunschdenken, Tatsache oder Angeberei ist.

Also, ich war schon irgendwie geschmeichelt, als mir der Mann meiner Madame Komplimente machte. Na ja, Franzosen können schon irgendwie charmant sein, nicht wahr? Da kommen unsere deutschen Männer nicht mit, oder? Zumal ich Madame nicht besonders leiden konnte und mich sowieso fragte, wieso diese Vache das Glück hatte, sich einen solchen Supermann aufzureißen, den hatte die garnicht verdient. Aber außer schönen Worten lief da zwischen ihm und mir nichts. Also angefasst, oder so aus Versehen über den Hintern tatschen, das hat der nie. Der war ja auch den ganzen Tag mit seiner Frau zusammen, die waren beide Lehrer an der gleichen Schule im Sechzehnten Bezirk, alles piekfein da...<(p>

Also ich weiß von einer richtigen dicken und großen Liebesaffäre zwischen einem Au-Pair und dem Hausherrn, das ging bis zu dramatischen Szenen und zur Scheidung. Aber da scheint es zwischen den beiden tatsächlich ernsthaft gefunkt zu haben, denn der hat das Au-Pair-Mädchen nach seiner Scheidung geheiratet und die haben heute zwei Kinder und betreiben gemeinsam eine kleine Werbeagentur trüben in Neully. Es gibt ja’ne ganze Menge deutscher Frauen in Frankreich, die einen Franzosen geheiratet haben, mehr als umgekehrt, meistens waren das Au-Pair-Frauen oder Reiseleiterinnen, die dann hier in Frankreich ihren Mann kennen gelernt haben und geblieben sind. Andere Franzosen haben ihre deutschen Frauen in Deutschland kennen gelernt, das war damals, als die französischen Soldaten noch in Koblenz oder Baden-Baden stationiert waren...

Ich würde mich als Au-Pair auf so etwas gar nicht erst einlassen, auch wenn es vielleicht meiner Eitelkeit schmeicheln würde, wenn der Typ mich irgendwie versuchen würde anzubaggern. Den würde ich zappeln lassen, denn ich muss mich mit Madame gut stellen, mit der bin ich schließlich den ganzen Tag im Haus, und der Typ kommt nur abends, wenn überhaupt, weil er meistens in ganz Frankreich unterwegs ist, der ist Pressefotograf für Madame Figaro und Marie Clair, da lernt der unterwegs so viele Frauen kennen, da braucht der nicht sein Kindermädchen aus old Germany anzubaggern.

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